Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass kurz vor dem endgültigen Wirecard-Kollaps mithilfe eines auf Glücksspiel spezialisierten Finanzdienstleisters 100 Millionen Euro zur Seite geschafft wurden. Jetzt droht der nächste Skandal, und zwar in Form einer Klagewelle, die gegen die Wirtschaftsprüfer des ehemals börsennotierten Zahlungsabwicklers zu erwarten ist. Die Klagewelle nach dem Wirecard-Aus wird vermutlich noch deutlich heftiger ausfallen, als gedacht. Von insgesamt rund 20.000 geprellten Wirecard-Gläubigern und zornigen Aktionären hat der Prozess-Finanzierer Litfin aus Großbritannien mittlerweile Ansprüche gesammelt und ist nun damit beschäftigt, die entsprechenden Klagen vorzubereiten. Dabei handelt es sich nicht nur um Klagen gegen die Wirecard AG sowie ihre Ex-Vorstände.

Klagewelle im Wirecard-Skandal auch gegen Wirtschaftsprüfer zu erwarten

Wirecard

Die meisten von ihnen richten sich gegen EY, eine Gesellschaft für Wirtschaftsprüfung, die schon seit etlichen Jahren die mutmaßlich gefälschten Bilanzen des Konzerns geprüft hatte, teilte Litfin mit und fügte hinzu: „Wir freuen uns, dass aufgrund des großen Interesses unsere Finanzierungs-Schwelle bereits überschritten wurde“. Die Klagen werden von der renommierten, international arbeitenden Kanzlei Pinsent Masons vertreten. Von „bandenmäßigem Betrug“ geht die Staatsanwaltschaft München bei der insolventen Wirecard AG aus. Der entstandene Schaden für andere Banken und Geldgeber wird dabei auf mehr als drei Milliarden Euro beziffert. Obwohl die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY Deutschland in der baden-württembergischen Hauptstadt ansässig ist, hat das Stuttgarter Landgericht von den rund 280 eingegangenen Klagen gegen EY 140 Verfahren an die bayerische Metropole verwiesen. Dabei beruft sich das Landgericht auf die Zivilprozessordnung. Auch bei der anderen Hälfte der Klagen wird derzeit noch die Zuständigkeit überprüft. Die Anwalts- und Gerichtskosten werden im Gegensatz zum üblichen Prozedere von Anwaltskanzleien in diesem Fall von einem sogenannten Prozess-Finanzierer vorgestreckt. Diese Prozess-Finanzierer erhalten bei erfolgreichen Klagen in der Regel eine Provision von 30 %. Es gibt aber auch viele Kanzleien, die vor dieser Art der Prozessfinanzierung warnen.

Der Anwalt Peter Mattil aus München vertritt ebenfalls Wirecard-Aktionäre und ist der Meinung: „Geschädigte Anleger müssen vorsichtig sein und genau hinsehen, ob die Prozessfinanzierungsgesellschaft überhaupt genügend Kapital hat, Prozesse zu bezahlen. Es gibt Prozess-Finanzierer, die sammeln 20.000 oder 30.000 Leute ein und tun dann überhaupt nichts für ihre Kunden. Die warten lediglich den Ausgang eines Musterverfahrens ab, um sich daran anzuhängen“. An diesem Punkt verweist er auf Fälle. „... in denen Finanzierer noch nicht einmal den Gerichtskostenvorschuss zahlen konnten und deshalb Insolvenz anmelden mussten. Die Anleger-Gemeinschaft SdK empfiehlt hingegen ihren Mitgliedern den britischen Prozess-Finanzierer Litfin. Der SdK-Vorsitzende Daniel Bauer sagt: „Litfin waren die einzigen, die auch Kleinanleger-Klagen finanzieren“, und erinnert daran, dass Prozess-Finanzierer in der Regel erst dann einsteigen, wenn es um hohe Beträge geht. Überzeugt hätte Litfin nicht zuletzt durch die Wahl seiner Kanzlei.  

Auch in der BRD gibt es Prozessfinanzierung, und das bereits seit 20 Jahren. Allerdings hielt sich das Geschäfts-Wachstum bislang in Grenzen. Laut Experten-Einschätzung nimmt die Zahl dieser Anbieter in den letzten Jahren jedoch zu, was natürlich auch einige Versicherer auf den Plan ruft, wie beispielsweise die Allianz, die sich selbst bereits im Bereich der Prozessfinanzierung versuchte. Der Allianz-Manager Stephan Geis sagt: „Durch die Prozess-Finanzierer erhöht sich aus unserer Sicht das Risiko in Deutschland erheblich, dass Unternehmen mit Klagen konfrontiert werden. Mit der Einschaltung von Prozess-Finanzierern können sowohl Unternehmen als auch Privatpersonen Prozesse führen, die sie wegen des Kostenrisikos und Zeitaufwands sonst nicht führen würden. Weil die Finanzierer die Prozessrisiken übernehmen, ist ganz klar zu erkennen, dass die Prozess-Bereitschaft auf Klägerseite steigt.“

Kurz vor dem Kollaps im Wirecard-Skandal wurden noch 100 Millionen Euro beiseite geschafft

Unmittelbar bevor das Ausmaß der Klagewelle gegen Wirecard und Co. bekannt wurde, erhitzte eine andere Meldung aus dem Wirecard-Skandal die Gemüter: Ein litauisches Fintech, das sich auf Transaktionen im Bereich Online Glücksspiel spezialisiert hat und – laut eigener Aussage – „... auch Kunden willkommen heißt, die im konventionellen Bankensystem keine Chancen haben“, soll dabei geholfen haben, rund 100 Millionen Euro aus dem Konzern beiseite zu schaffen, bevor dieser Mitte letzten Jahres Insolvenz anmelden musste. Davon seien allein 35 Millionen mithilfe eines Kontos der UAB Finolita Unio an den Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek geflossen, der noch immer flüchtig ist. Über den Verbleib der restlichen 65 Millionen Euro ist derzeit nichts bekannt.

Der Financial Times zufolge geht es „.... bei den Untersuchungen auch um ein Darlehen in Höhe von 350 Millionen Euro, dass der Finolita-Mutterkonzern Senjo und weitere zugehörige Unternehmen bis zum ersten Quartal 2020 von Wirecard erhalten haben“. Schon eine Kooperation von Finolita und Wirecard, die auf 2019 datiert ist und Insidern zufolge mit „sehr seltsam“ umschrieben wird, steht im Fokus der Ermittler. Dabei seien Finolita-Dienstleistungen lediglich sehr vage beschrieben und in dem dazugehörigen Vertrag „unplausible Stundensätze“ vereinbart worden. Schlussendlich wurden von der Wirecard AG insgesamt drei Überweisungen an das Litauer Unternehmen getätigt, und die Einnahmen von Finolita stiegen im Lauf von nur drei Jahren von 4.700,- Euro auf mehr als eine Million Euro an.

Zu den im Raum stehenden Vorwürfen wollen sich die „entsprechenden Akteure“ laut Financial Times derzeit nicht äußern. Es ist jedoch zu vermuten, dass nach Finolita noch weitere Unternehmen auftauchen, die in die verschlungenen Wirecard-Finanzpfade verstrickt sind und das Interesse der Ermittler auf sich ziehen.