Wirecard hatte die geplante Marktöffnung für das Online Glücksspiel im Auge und wollte sich als eine Art TÜV für Zahlungen an legale und seriöse Online Casinos sowie Online Sportwettenanbieter etablieren. Hierbei ging es um ein Milliardengeschäft. Der Konzern bemühte sich bereits seit einigen Jahren um einen Staatsauftrag, der ihn als zentraler Zahlungsabwickler für Online Glücksspielanbieter ausweist. Manche Bundesländer hielten dies für keine schlechte Idee. Nun ist der Zahlungsdienstleister insolvent und einer der Ex-Manager, der für diese Lobbyarbeit verantwortlich zeichnete, sitzt in Untersuchungshaft. Seitdem klar war, dass der deutsche Online Glücksspielmarkt reformiert wird, rannte Wirecard den Bundesländern quasi die Bude ein, um einen ausgesprochen attraktiven Großauftrag zu erhalten. Den Recherchen eines großen deutschen Wirtschaftsmagazins zufolge, ging es darum, dass der Konzern die zentrale Abwicklung von sämtlichen Zahlungsdienstleistungen für legale Angebote im Bereich Online Glücksspiel übernimmt. Im Rahmen der Beratungen zum neuen Glücksspielstaatsvertrag hatte das Unternehmen seit 2017 Lobbyarbeit bei den einzelnen Bundesländern geleistet.

Konzentrierte Lobbyarbeit bei einzelnen Bundesländern

WirecardWie von der Staatskanzlei Rheinland-Pfalz bestätigt wurde, hatte Wirecard in diesem Zusammenhang vorgeschlagen, ein „... Verfahren zur Kanalisierung und Zentralisierung der Geldflüsse beim Online Glücksspiel“ einzurichten. Die Bundesländer sollen über diesen Vorschlag auch diskutiert haben, wurde darüber hinaus bestätigt. Wäre es zu einem Zuschlag gekommen, dann hätte sich ein Unternehmen über ihn freuen dürfen, das bereits wegen mysteriöser Geschäfte u.a. für US-amerikanische Online Casinos auffiel. Dieses Unternehmen hätte dann zeitweise sogar sogenannte hoheitliche Aufgaben mittels eines Beleihungsmodells auf einem Milliardenmarkt übernommen. Hierbei wäre es um ähnliche Aufgaben gegangen, wie sie beispielsweise der TÜV in anderen Bereichen übernimmt. Die Diskussionen der Bundesländer ergaben letztendlich, dass es nicht erforderlich sei, eine solche Beauftragung an einen einzelnen zentralen Zahlungsabwickler zu vergeben.

Zahlungs-TÜV für das Online Glücksspiel

Ex-Wirecard-Vorstand Burkhard Ley war der ehemalige Sonderbeauftragte in Sachen Lobbyarbeit im Online Glücksspielbereich. Ley war als Finanzvorstand beim Aschheimer Konzern tätig und ist heute einer der Ex-Manager, die Mitte Juli dieses Jahres verhaftet wurden, da sie eine wesentliche Rolle bei dem mutmaßlichen Betrugsskandal bei Wirecard spielten. Burkhard Ley wurde bei seiner Lobbyarbeit u.a. von einem Berater des ehemaligen Bürgermeisters der Hansestadt Hamburg, Ole von Beust (CDU) sowie vom Deutschen Verband für Telekommunikation und Medien (DVTM) unterstützt. Der DVTM vertritt u.a. die Interessen zahlreicher Glücksspielanbieter. Auch Wolfgang Clement, der ehemalige Bundeswirtschaftsminister, ist beratend für den DVTM tätig.

Über seinen Anwalt lässt Ley sämtliche gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurückweisen.

Ein Sprecher der Landesregierung von Rheinland-Pfalz hat bestätigt, dass es zwischen Burkhard Ley und dem Chef der Staatskanzlei, Clemens Hoch (SPD), zu insgesamt zwei Treffen kam, bei dem über die Regulierung des Online Glücksspielmarkts in Deutschland gesprochen wurde. Ley hatte um einen Termin am 1. Februar 2017 gebeten, bei dem neben Hoch, dem eine federführende Rolle in diesem Thema zukam, auch noch andere Beteiligte der Mainzer Staatskanzlei anwesend waren. Das SPD-Wirtschaftsforum lud dann am 2. Oktober 2018 zu einem „Austausch“ über das Thema „Digitalisierung im Glücksspielbereich“ nach Berlin ein, zu dem auch Ley geladen war. Darüber hinaus waren Verantwortliche von verschiedenen Verbänden und Wettanbietern anwesend, wie der Teilnehmerliste entnommen werden kann. Es ging bei diesem „Austausch“ u.a. um einen „... funktionierenden Vollzug einer neuen Glücksspielregulierung – etwa „durch die Kontrolle und das Unterbinden von Zahlungsströmen“. Dabei wurde auch ein „Beleihungsmodell“ diskutiert, bei dem staatliche Aufgaben auf Zeit an ein Unternehmen übertragen werden.“

Wirecard war es gelungen, den Vorstoß für die Idee eines „Zahlungs-TÜVs beim Online Glücksspiel“ in die monatelangen Beratungen zum neuen Glücksspielstaatsvertrag einfließen zu lassen, der eine Liberalisierung des gesamten Marktes zum Thema hatte. Bis dato waren private Online Casinos in der BRD zum größten Teil verboten. Anbieter aus anderen EU-Mitgliedstaaten konnten jedoch ihre Angebote auch in Deutschland mehr oder weniger ungehindert offerieren. 

Abwicklungsmodell nur bei stärkerer Marktöffnung notwendig

Dem neuen Glücksspielstaatsvertrag zufolge werden in Zukunft auch Konzessionen an private Anbieter vergeben. Allerdings wollen die Länder dabei sichergehen, dass eine Kontrolle der entsprechenden Anbieter und der dazugehörigen „Zahlungsströme“ sichergestellt wird, da die Anfälligkeit für Geldwäsche beim Online Glücksspiel bekannt ist. Aus diesem Grund waren einige Bundesländer für ein zentrales Zahlungsdienstleister-Modell offen. Die Landesregierung Rheinland-Pfalz erklärte dazu: „Durch ein solches Verfahren könnten erprobte Prozesse in die Glücksspielaufsicht integriert werden und die langwierige Entwicklung eigener Kontrollprogramme beschleunigt oder sogar ganz unnötig werden“. Clemens Hoch, der Chef der Staatskanzlei in Mainz, hatte wohl „anfänglich im Kollegenkreis“ über den Modell-Vorschlag diskutiert. Über einen langen Zeitraum gab es ganz unterschiedliche Meinungen innerhalb der Länder-Konferenz, die sich um die „Marktöffnung für neue Anbieter“, und wie weit diese gehen soll, drehten. Darüber hinaus wurde darüber debattiert, wie die „... Zahlungsströme effektiv überwacht werden können“. Zu dem Auftrag an Wirecard kam es dann schlussendlich doch nicht. Dabei spielte eine „ausdrückliche Entscheidung gegen den Konzern“ allerdings keine Rolle, sondern eher das EU-Recht, welches die BRD nicht dazu auffordert, den deutschen Glücksspielmarkt „... noch stärker zu liberalisieren als geplant“. Das von Wirecard vorgelegte Abwicklungsmodell wäre nur im Falle einer stärkeren Marktöffnung nötig geworden.

Branchenriesen verhandeln über den Kauf von Wirecard

Ein solcher Staatsauftrag wäre für Wirecard natürlich sehr reizvoll gewesen. Rund 4 Milliarden Euro jährlich beträgt schließlich der Bruttospielertrag im Bereich des deutschen Online Glücksspielmarkts. Und das ist „nur“ der Betrag, der bei den Online Casinos hängen bleibt. Auf ein Vielfaches summieren sich die Zahlungen, die zwischen Anbietern und Spielern transferiert werden. Glaubt man Experten-Einschätzungen, dann handelt es sich hierbei um Beträge von mindestens 40 Milliarden Euro. Selbst ganz geringe Provisionen würden sich demnach schon für einen zentralen Zahlungsdienstleister lohnen und zu enormen Einnahmen führen. On top auch noch ganz legal. Aber alles kam - wie wir alle wissen - ganz anders. Heute verhandeln Branchenriesen wie die Deutsche Bank und PayPal über den Kauf von Wirecard. Darüber hinaus soll es noch acht weitere Interessenten geben. Im Hintergrund laufen hierfür schon die entsprechenden Vorbereitungen. Und während die Ermittlungen gegen den Zahlungsdienstleister in vollem Gange sind, bangen die mehr als 5.000 Mitarbeiter um ihre Arbeitsplätze.