Im Magdeburger Landtag haben inzwischen die Anhörungen vor dem Untersuchungsausschuss begonnen, die sich mit den Vorgängen rund um einige „Großspieler bei der landeseigenen Lotto-Gesellschaft“ drehen. Eine Reihe durchaus prominenter Zeugen ist bereits gehört worden, allerdings wies ein Großteil dieser Zeugen enorme Erinnerungslücken auf oder verweigerte die Aussage. Vor den U-Ausschuss war neben den beiden ehemaligen Lotto-Geschäftsführern Maren Sieb und Ralf von Einem auch der Ex-Innenminister von Sachsen-Anhalt, CDU-Mann Holger Stahlknecht, geladen worden, da die Zuständigkeit für die Glücksspielaufsicht beim Innenministerium liegt.

Sachsen-Anhalts ehemalige Lotto-Chefs verweigern die Aussage

Lotto Sachsen-Anhalt

Laut Aussage der Ex-Lotto-Chefin Maren Sieb sei das Innenministerium, besser gesagt, die „Hausspitze des Ressorts“ 2012 der Grund gewesen, weshalb sie sich überhaupt auf die Stelle beworben hatte. Ulf Gundlach, der damalige Innenstaatssekretär, sei auf sie zugekommen und hätte sie diesbezüglich angesprochen. Bis 2016 war Ulf Gundlach in seiner Funktion als Staatssekretär Holger Stahlknechts rechte Hand. Aufgrund dieses Gespräches gab Maren Sieb ihre Bewerbungsunterlagen ab und durchlief das weitere Verfahren. Ein entsprechendes Stellenprofil hätte man ihr nicht vorgelegt, sagte sie als Zeugin vor dem Ausschuss aus. Seit 2012 war die Unternehmerin, die über viele Jahre hinweg als Journalistin tätig war, Teil der Doppelspitze der Sachsen-Anhalter Lotto-Gesellschaft. Nach internen Prüfungen, denen monatelange Querelen vorausgegangen waren, wurde den beiden Lotto-Geschäftsführern fristlos gekündigt. Das Vertrauensverhältnis sei gestört, hatte das Land als Begründung veröffentlicht. Die Erkenntnisse, die der Untersuchungs-Ausschuss zusammengetragen hatte, diente den Verantwortlichen als Hintergrund. Demnach war es verschiedenen sogenannten Großspielern gelungen, in einem Zerbster Lottoladen durch Sportwetten Millionen zu erzielen. Möglich wurde dies auch dadurch, dass das Spiellimit des kleinen Ladens von der staatlichen Lotto Toto GmbH Sachsen-Anhalt  erhöht worden war. Den Prüfberichten zufolge hatten die beiden ehemaligen Geschäftsführer die Auffälligkeiten zwar der Geldwäschestelle gemeldet, die zuständigen Gremien und Behörden jedoch nicht darüber informiert. Diesem Versäumnis folgten einige Monate später die harten Konsequenzen: Sowohl Maren von Sieb als auch Ralf von Einem wurden fristlos entlassen. Aufgrund mutmaßlicher Meldeversäumnisse leitete die Glücksspielaufsicht Sachsen-Anhalts ein Verfahren wegen Ordnungswidrigkeiten gegen die beiden ein. Hinsichtlich ihrer Entscheidungen, die sie in ihrer Zeit als Geschäftsführerin getroffen hatte, wollte sich Frau Sieb nicht äußern und machte von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Auch der zweite Ex-Lotto-Chef Ralf von Einem verhielt sich im Zusammenhang mit Fragen über den Umgang mit den Großspielern aus Zerbst ganz ähnlich. Die sollen im Zeitraum 2017 und 2018 für einen Großteil der Umsätze der Landes-Lottogesellschaft verantwortlich gewesen sein. Den Informationen einer großen ostdeutschen Tageszeitung zufolge, sollen diese Großspieler zwischen Januar und September 2018 allein durch Oddset mehr als 2 Millionen Euro überwiesen worden sein und damit fast die „Hälfte aller in Sachsen-Anhalt ausgeschütteten Jahresgewinne“ für dieses Spiel. Auffällig ist dabei auch, dass die Zerbster Lottoverkäuferin Marie H. das Gros dieser Einsätze selbst getätigt hatte.

Sachsen-Anhalts Lotto-U-Ausschuss bringt wenig Neues

Bereits im Herbst 2019 wurde der Untersuchungsausschuss aufgrund eines AfD-Antrags eingesetzt. Die Oppositionspartei in Sachsen-Anhalt machte Sieb zum Vorwurf, dass ihr eine ausreichende Qualifikation für diesen Job gefehlt hätte und dass sie ihn aus diesem Grund auch niemals hätte bekommen dürfen. Ein zweiter schwerer Vorwurf der AfD drehte sich um die Vergabe von Fördermitteln und Jobs, die die Ex-Lotto-Chefin „... aufgrund persönlicher Beziehungen vergeben“ haben soll. Dieser letzte Vorwurf hat sich laut SPD-Mann Andreas Stepphuhn, der den Vorsitz des U-Ausschusses inne hat, allerdings nicht bestätigt. Tiemo Kracht, seines Zeichens Personalberater, der bereits mehrfach für die Lotto Toto GmbH Kandidaten für diesen Top Posten suchte, wurde die Frage gestellt, warum Maren Sieb überhaupt für die Stelle der Lotto Geschäftsführung in Frage kam. Schließlich konnte sie kein Hochschulstudium vorweisen, lediglich einen Akademie-Abschluss. Kracht sagte vor dem U-Ausschuss aus, dass für die Zugangsvoraussetzungen nicht zwingend ein Hochschulabschluss nötig gewesen wäre und fügte hinzu, dass es leider nur sehr selten vorkommt, dass sämtliche Kriterien von den Bewerbern würden. „Eigentlich sollte ein einzelner Geschäftsführer gefunden werden, während der Suche ist dann auf eine Doppelspitze gewechselt worden“. Darüber hinaus ließ Tiemo Kracht wissen, dass dieser Kurswechsel sehr überraschend für ihn gewesen sei, insbesondere, weil man sich neben Maren Sieb für einen Kandidaten entschieden hatte, für den es von Seiten der Personalberatung keinerlei Empfehlung gab. Ralf von Einem wurde vom Finanzministerium vorgeschlagen. Auf die Frage, ob es denn auch noch andere, qualifizierte Bewerber gegeben hätte, erinnerte sich Kracht an einen Kandidaten, der zuvor bei West-Lotto gearbeitet hatte. Allerdings erhielt Tiemo Kracht damals den Hinweis, dass bei dem Auswahlverfahren „... viel dafür spricht, Bewerber aus dem eigenen Land zu berücksichtigen statt eines weiteren West-Imports“. Er ergänzte noch: „Und diesem Votum konnten wir folgen.“

Der ehemalige Innenminister Sachsen-Anhalts, Holger Stahlknecht, beklagt hingegen einige Erinnerungslücken. Die Glücksspielaufsicht soll erst „... durch die Arbeit des U-Ausschusses von dem Geschehen um die Großspieler im Zerbster Lottoladen erfahren“ haben. An die Einstellung von Maren Sieb kann er sich hingegen gar nicht mehr erinnern – weder daran, dass sie für den Job vorgeschlagen wurde, noch daran, ob er im Rahmen ihres Bewerbungsverfahrens mit ihr darüber gesprochen hat.

Der „Abschluss der Beweisaufnahme  bei der Untersuchung des Vorwurfs von Spielmanipulation in einem Lottoladen in Zerbst“ war ursprünglich für November letzten Jahres geplant. Die noch immer anhaltende aktuelle Gesundheitskrise hatte dies jedoch unmöglich gemacht. Nun drängt die Zeit. Für das Gremium ist nach der Landtagswahl im Juni dieses Jahres Schluss.