Ein ganzes Jahr ist jetzt her: Der große österreichische Polit-Skandal, der den Bruch der ÖVP-FPÖ-Koalition auslöste und u.a. auch Ex-Vizekanzler Heinz-Christian Strache zu Fall brachte. Auslöser war ein heimlich gedrehtes Video, in dem Strache gemeinsam mit dem Nationalratsabgeordneten Johann Gudenus die angebliche Nichte eines russischen Oligarchen auf Ibiza besuchte. Beide Politiker sprachen darin ganz ungeniert über die Umgehung der Gesetze zur Parteienfinanzierung und ihre Bereitschaft zur Korruption. Dieses Video wurde erstmals am 17. Mai 2019 von Spiegel Online und Süddeutsche.de ins Netz gestellt und belastete auch den Glücksspielkonzern Novomatic mit Casinos Austria schwer, der sich unter anderem auch sehr erfolgreich im Bereich Online Casinos engagiert. Heute - ein Jahr nach der sogenannten Ibiza-Affäre - ist Heinz-Christian Strache noch immer nicht müde, seine Unschuld zu beteuern. Im Gegenteil. Er feiert sein politisches Comeback. Und auch das tut er mal wieder ganz ungeniert, obgleich 35 Ermittlungsverfahren in der Causa Casino noch immer nicht abgeschlossen sind. Die DAÖ (Allianz für Österreich) wird künftig umbenannt in „Team Strache - Allianz für Österreich“. Und damit nicht genug. Der Ex-Vize kündigte an, im kommenden Oktober bei der Gemeinderatswahl in Wien als Spitzenkandidat ins Rennen zu gehen.

Bruderstreit verletzter Eitelkeiten

Sidlo AustriaSo so! Da will also ausgerechnet Heinz-Christian Strache darauf achtgeben, dass „... die momentan Mächtigen in diesem Land es nicht zu weit treiben“, gerade in Krisenzeiten, wie der aktuellen. Der Mann, der nach wie vor zu verstehen gibt: „Ein kriminelles Verhalten habe ich schlichtweg nicht an den Tag gelegt.“ Noch immer beteuert er, dass man ihm damals „illegale Substanzen untergejubelt“ hat und er bis heute „mit miesen Stasi-Methoden verleumdet“ würde.

Erst im Dezember letzten Jahres wurde die DAÖ von Ex-Gemeinderäten der FPÖ gegründet, und derzeit macht es den Anschein, dass eine ganze Reihe von ehemaligen Strache-FPÖ-Mitstreitern ihm in diese neue Partei folgen wollen. So auch Christian Höbart, der die Freiheitliche Partei Österreichs bereits mehr als zehn Jahre im Nationalrat vertrat. Laut Medienberichten soll der 44-Jährige in Zukunft Generalsekretär der DAÖ werden. Wen der Wechsel Höbarts verwirrt, den lässt er wissen: „Der gesamte Weg der FPÖ ist für mich diffus geworden.“ Zwei weitere hochrangige Ex-FPÖ-Mitglieder scheinen ebenfalls die Lager zu wechseln: Nicole Geiger und Stefan Berndorfer. Anlass genug, um einen „blauen Bruderstreit“ heraufzubeschwören, wie Landesparteisekretärin Barbara Novak von der SPÖ Wien: „Die nächste Etappe im blauen Bruderstreit hat also begonnen: Aus DAÖ wird Team Strache und damit ist nun auch im Namen festgehalten, dass der Hauptverursacher von Ibiza in dieser angeblichen Bewegung das Sagen hat. Dies lässt befürchten, dass die Deftigkeit der blauen Schlammschlacht mit der Wiener FPÖ unter Dominik Nepp noch einen Zahn zulegt und zu einem Wettstreit der Grauslichkeiten wird. Doch gerade in diesen schwierigen Zeiten hat unser Wien Besseres verdient als einen Bruderstreit der verletzten Eitelkeiten.“

Neue Indizien in der Causa Casino veröffentlicht

Ausgerechnet an dem Tag, an dem Heinz-Christian Strache seine Kandidatur als Spitzenkandidat der DAÖ für die Wahlen in Wien bekannt gab, veröffentlichte der „Standard“ neue Indizien, die nicht gerade für den Ex-Vizekanzler sprechen. Dabei handelt es sich um Unterlagen und Schriftstücke, die im Zusammenhang mit der Causa Casino bei einer Durchsuchung seines Anwesens beschlagnahmt wurden und „...nun an die Öffentlichkeit gelangten.“ Angeblich ist in diesen Akten davon die Rede, dass „...eine Verschwörung, an deren Spitze die Israelitische Kultusgemeinde (IKG), die ÖVP und Freimaurer gesehen werden.“ Schon von Anfang an hatte Strache behauptet, das Opfer einer Verschwörung geworden zu sein. Und das, obgleich er in dem Ibiza-Video eindeutig darum bemüht ist, gemeinsam mit Johann Gudenus der vermeintlichen Nichte eines russischen Oligarchen Parteispenden aus den Rippen zu leiern und ihr dafür politische Gefälligkeiten zu erweisen.

Die ganze Ibiza-Affäre ist natürlich juristisch noch lange nicht ausgestanden für den österreichischen Ex-Vizekanzler. In einigen der aktuell laufenden 35 Verfahren wird der ehemalige FPÖ-Chef als Beschuldigter geführt. In anderen soll er als Zeuge eine wichtige Rolle gespielt haben, beziehungsweise als indirekt oder auch direkt Beteiligter. Die Soko Ibiza ermittelt nach wie vor rund um diesen politischen Skandal, der sowohl die türkis-blaue Koalition, als auch Heinz-Christian Straches Polit-Karriere - zumindest vorerst - zu Fall brachte.

Fotos mit prall gefüllten Geldtaschen

Noch immer ist ungeklärt, bei wem sich der Ex-Vizekanzler damals verplapperte. Sicher ist inzwischen aber, dass nicht nur die Justizbeamten Akten zur Causa Casino angelegt hatten, sondern auch der ehemalige FPÖ-Chef selbst. Unter den in seinem Haus beschlagnahmten Unterlagen befindet sich auch ein Zettel, der eine Art Netzwerkgrafik mit handschriftlichen Notizen darstellt. Ganz oben angeführt werden das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) sowie „Oligarchen, Freimaurer und die IKG“. Hinzu kommen Namen von Personen, die vehement bestritten haben, etwas mit dem Ibiza-Video zu tun zu haben. 

Der Anwalt von Heinz-Christian Strache ist davon überzeugt, dass diese Unterlagen seinem Mandanten zugespielt wurden. In erster Linie stützen sich diese „dubiosen Akten“ auf reine Widersprüche und Gerüchte bei der Ibiza-Affäre, die zum Teil bereits widerlegt wurden. Unter anderem soll Johann Gudenus, der zweite österreichische Protagonist im Skandal-Video, im Zusammenhang mit jenem Video von einem Anwalt 200.000,- Euro erhalten haben. Auf der anderen Seite kommt zur Sprache, dass ihm bereits 2017 ein solches Video für 400.000,- Euro angeboten worden sein soll. Gudenus streitet hingegen alles ab und erlaubt sich einen Seitenhieb auch den Ex-Vizekanzler: „Sie werden in meinem Bereich auch keine Fotos von prall gefüllten Sporttaschen finden.“  Während der laufenden Ermittlungen in der Causa Casino hatte man Fotos gefunden, die „...Taschen voller Geld in Straches Dienstauto zeigen sollen.“ Nach eigenen Angaben hatte der ehemalige Leibwächter des Ex-Parteichefs diese Bilder geschossen, was Heinz-Christian Strache allerdings nach wie vor bestreitet.