Lotto Sachsen-Anhalt ist bereits seit Monaten heftiger Kritik ausgesetzt. Eine Schlagzeile folgt der nächsten. In erster Linie geht es dabei um den Verdacht auf Vetternwirtschaft und um äußerst dubiose und mysteriöse Sportwetten. Den vorläufigen Höhepunkt des nicht enden wollenden Skandals stellte vor kurzem die Freistellung der beiden Lotto-Geschäftsführer Maren Sieb und Ralf von Einem dar. Jetzt äußerte sich der SPD-Landespolitiker Rüdiger Erben in einem Interview über die Hintergründe, „Spielertruppen mit System“ und seine Befürchtung, dass dieser Skandal bundesweite Folgen haben könnte.

Lotto: Zahlreiche Ungereimtheiten

Sachsen Lotto„Ich stehe immer wieder staunend vor der Berichterstattung“, so Rüdiger Erben zum Skandal rund um Lotto, der ganz Sachsen-Anhalt erschüttert. Erben ist ehemaliger Staatssekretär im Innenministerium Sachsen-Anhalts und derzeit Landtagsabgeordneter in Magdeburg. Darüber hinaus fungiert er als parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion. Er ist bestens vertraut mit sämtlichen Vorgängen, die die landeseigenen Organisationen und Gesellschaften betreffen.Aktuell ist die Magdeburger Landesregierung, die aus einer Koalition von SPD, CDU und den Grünen besteht, damit beschäftigt, eine Reihe von Fragen zu prüfen, die sich um die Lotto-Toto GmbH Sachsen-Anhalt drehen: „Hat hier Geldwäsche stattgefunden? Hat hier möglicherweise Wett-Betrug stattgefunden? Und welche Schuld daran tragen die Verantwortlichen in der Lotto-GmbH selbst?In der jüngeren Vergangenheit kamen immer mehr Ungereimtheiten zum Tragen. Besonders auffallend war die Tatsache, dass „... plötzlich unter den zehn erfolgreichsten Oddset Spielern Deutschlands etwa fünf in Sachsen-Anhalt gespielt haben - und das auch mit sehr hohen Einsätzen und wohlgemerkt ohne Verluste.“

Vetternwirtschaft und fragwürdige Fördermittelvergabe stehen im Raum

Die Mitteldeutsche Zeitung meldete noch vor wenigen Wochen: „Die Geschäftsführer Maren Sieb und Ralf von Einem wurden freigestellt und mussten ihre Schreibtische räumen“, und weiter hieß es: „Mit diesem Schritt reagierte der Aufsichtsrat des Unternehmens auf eine lange Liste von Vorwürfen.“ Diese Meldung revidiert Rüdiger Erben nun: „Die beiden Geschäftsführer sind nur beurlaubt. Eigentlich begann diese ganze Lotto-Geschichte in einem Streit, wie in unserem Bundesland Bezirksleiterposten vergeben worden sind.“ Außerdem sei es um die Frage gegangen, „... ob im Land Fördermittel berechtigt oder unberechtigterweise geflossen sind“, sagte Erben und stellte klar: „Über solch vermeintlichen 'Kleinkram' sind wir mittlerweile in einen doch veritablen Skandal hineingelaufen.“

Anfang Juli hatte die Magdeburger Volksstimme noch über „...fehlende Berufserfahrung, Verwandten-Klüngel, Interessenskonflikte, vernichtete Papiere und eigenartige Ausschreibungspraxis“ berichtet und festgestellt: „Sachsen-Anhalts Lotto-GmbH steht seit gut einem Jahr wegen etlicher Auffälligkeiten unter Beschuss.“ Diese Auffälligkeiten beziehen sich auf „dubiose Sportwetten in Millionenhöhe“ in Zerbst. Wie es dazu kam, erklärt Erben folgendermaßen: „Das ist schon eine sehr eigenartige Geschichte. Im Fokus steht die Besetzung der Bezirksleiterstellen. Der Posten ist gewinnbringend: Es winken Brutto-Vergütungen von 150.000 bis 300.000 Euro im Jahr. Die Bezirksleiter betreuen die Lotto-Verkaufsstellenleiter und sollen das Geschäft in Schwung bringen. Das Lottoland ist in sieben Bezirke aufgeteilt. Das schauten sich die Prüfer genauer an.“ Insbesondere deshalb, weil der mutmaßliche Betrug in einer Zerbster Lotto-Annahmestelle stattfand, dessen konzessionierte Betreiberin eine Tschechin ist, die angibt, so gut wie gar kein Deutsch zu sprechen. Dass dies bis zu dem Zeitpunkt, als der Betrug aufflog, niemandem aufgefallen ist, ist obendrein sehr mysteriös.

Erben gibt sich optimistisch

Vor kurzem berichtete der MDR: „Vorwürfe zur Fördermittelvergabe und mögliche Vetternwirtschaft stehen im Raum. Ein Untersuchungsausschuss im Landtag befasst sich seit September 2019 mit dem Unternehmen in Landesbesitz. Nun hat der Landesrechnungshof einen Prüfbericht vorgestellt und dem Untersuchungsausschuss übergeben. Deutliche Kritik übte der Rechnungshof an der Besetzung von Lotto-Bezirksleiter-Stellen.“

Nun soll der Aufsichtsrat von Lotto Sachsen-Anhalt gemeinsam einem Untersuchungsausschuss des Landtags, der Glücksspielaufsicht und dem Innenministerium in Magdeburg den Skandal ein für alle Mal aufklären. Keine leichte Aufgabe! Rüdiger Erben sagt dazu: „Wenn mich vor einem Jahr jemand gefragt hätte nach Vorgängen dieser Oddset-Spielergruppe – dann hätte ich gesagt: Das ist Quatsch, das gibt es nicht. Das wäre dem Glücksspiel-Beauftragten aufgefallen, die zuständigen Stellen im Land hätten dem Ganzen Einhalt geboten. Doch: Dann kam eine Überraschung nach der anderen.“ Dennoch gibt sich der SPD-Landtagsabgeordnete zuversichtlich. Er sei „...optimistisch, dass insbesondere im Untersuchungsausschuss noch eine ganze Menge an Informationen und Erkenntnissen herauskommen wird.“

Verluste aufgeteilt

Im Magdeburger Untersuchungsausschuss wurden erstmals Anfang Juli Zeugen befragt. N-TV berichtete damals: „Es trafen die Abgeordneten auf zwei kaum auskunftsbereite Zeuginnen aus einer ehemaligen Lotto-Annahmestelle in Zerbst. Die ehemalige Verkaufsstellenleiterin machte deutlich, nicht ausreichend Deutsch zu sprechen für eine Befragung. Sie soll später mit Unterstützung eines Dolmetschers erneut gehört werden.“ Einige Monate zuvor hatte der gleiche Sender gemeldet: „Die Glücksspielaufsicht im Innenministerium sieht sich rückblickend von Lotto Sachsen-Anhalt nicht ausreichend über auffälliges Spielverhalten informiert.“

So wie es im Moment aussieht, wird der Skandal für Sachsen-Anhalts Spielerinnen und Spieler keine negativen Auswirkungen haben. Jeder darf nach wie vor legale Wetteinsätze tätigen und einen Lottoschein ausfüllen. Im Hintergrund werden die jüngsten Vorfälle jedoch ein Nachspiel haben: „Wir haben eher die Situation“, so SPD-Mann Erben, „dass nicht Sachsen-Anhalt und die hiesige Lotto-GmbH einen Nachteil daraus hatten. Sondern andere Bundesländer und deren Lotto-Gesellschaften. Weil das System bei Lotto so funktioniert: Die Umsätze wurden in Sachsen-Anhalt gemacht. Anschließend waren die ausgeschütteten Gewinne zu Lasten aller Teilnehmer am Oddset-System aufzubringen.“

Diese äußerst fragwürdigen Gewinne mancher Spieler zählen zwar als Verlust der Lotto-Gesellschaft in Sachsen-Anhalt, verteilt wurde dieser jedoch auf alle Länder, die am Lotto-System teilnehmen. „Aber die Umsätze, also das Geld, was man zunächst eingenommen hat, wurden nur zugunsten der Lotto-Gesellschaft in Sachsen-Anhalt vereinnahmt. Insofern ist das ein Vorgang, der sicherlich auch die anderen Lotto-Gesellschaften interessieren wird. Man hat denjenigen schließlich auch wirtschaftlichen Schaden durch diese Aktion zugeführt.“