Bei GVC Holdings, einem der größten Glücksspielkonzerne in Europa, wird darüber diskutiert, eines der bekanntesten Steuerparadiese in Europa zu verlassen. Die Isle of Man ist aktuell der Hauptsitz des Konzerns und damit maßgeblich für die Besteuerung. Doch mittlerweile ist das einstige Steuerparadies anscheinend nicht mehr ganz so attraktiv wie noch vor einem Jahrzehnt. Zu GVC Holdings gehören unter anderem bekannte Marken wie bwin, CasinoClub und PartyCasino.

Knallharte Analyse spricht für Großbritannien

GVC ARTIKELSteuerparadiese sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren! Das scheint jedenfalls für GVC Holdings zu gelten. GVC Holdings hat bekannt gegeben, dass es im nächsten Monat eine Abstimmung darüber geben wird, ob der Hauptsitz des Konzerns nach Großbritannien verlagert wird. Das ist eine bemerkenswerte Sache, denn die Isle of Man hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte den Ruf erarbeitet, besonders vorteilhaft zu sein für große Konzerne, die Steuern sparen möchten. Doch die Vorteile, die es noch im Jahr 2010 gab, sind laut der aktuellen Pressemitteilung von GVC Holdings zu einem großen Teil nicht mehr existent. Eine aktuelle Analyse habe ergeben, dass der Konzern bei einem Umzug nach Großbritannien unter dem Strich nicht schlechter gestellt sei. Im Detail würde sich zwar einiges ändern, aber entscheidend sei, dass die Kostenbelastung unter dem Strich nicht höher sei. Das ist bemerkenswert, denn an dieser Stelle wird das komplette Geschäftsmodell der Isle of Man infrage gestellt.

Großbritannien hat aus Sicht von GVC Holdings einige Vorteile, welche die Isle of Man nicht bieten kann. Insbesondere geht es wohl darum, dass die Anbindung an die Infrastruktur und die Logistik deutlich besser und günstiger seien als auf der Isle of Man. Dadurch wäre es möglich, Kosten in erheblichem Umfang zu sparen. Das ist nachvollziehbar, denn die Reise- und Transportkosten sind für ein Unternehmen mit Firmensitz auf einer kleinen Insel natürlich höher als für ein Unternehmen, das zum Beispiel in London ansässig ist. Aber zumindest im Jahr 2010 und in den folgenden Jahren war es offensichtlich so, dass die steuerlichen Vorteile der Isle of Man die zusätzlichen Kosten mehr als aufgewogen haben. Was genau sich seitdem geändert hat, wird nicht weiter ausgeführt in der aktuellen Pressemitteilung von GVC Holdings. Aber klar ist, dass ein großer Konzern, der börsennotiert ist, derartige Abwägungen machen muss. Wenn es besser ist für das Unternehmen, den Hauptsitz in einer großen englischen Stadt oder zumindest in einem gut angeschlossenen Industriegebiet irgendwo in Großbritannien zu haben, muss der Vorstand handeln.

Kommen Steuerparadiese aus der Mode?

Über Steuerparadiese ist in den vergangenen Jahren viel berichtet worden. Meist geht es dabei um Länder außerhalb der Europäischen Union. Für einen großen Konzern wie GVC Holdings kann es aber keine sinnvolle Alternative sein, einen Hauptsitz außerhalb Europas zu haben, wenn der größte Teil des Geschäfts in Europa stattfindet. Die Isle of Man war lange Zeit ein guter Kompromiss für den Konzern, um zum einen Steuern zu sparen und zum anderen doch noch innerhalb Europas aktiv zu bleiben. Aber wenn die steuerlichen Vorteile den Standort nicht mehr rechtfertigen, liegt es nahe, einen anderen Standort zu suchen. Spannend an der ganzen Geschichte ist vor allem, dass GVC Holdings nach Großbritannien umsiedeln möchte. Dabei gibt es in Europa durchaus andere Standorte, die günstige steuerliche Bedingungen für Glücksspielkonzerne bieten, zum Beispiel Gibraltar, Malta oder auch Zypern. Es ist davon auszugehen, dass diese Standorte auch diskutiert worden sind, selbst wenn in der aktuellen Verlautbarung nichts davon zu lesen ist. Aber schon aus Verantwortung gegenüber den Aktionären wäre es fahrlässig, nicht alle Optionen zu berücksichtigen.

Für jeden großen Konzern, aber auch für jedes kleine Unternehmen, das nicht durch das Geschäftsmodell an einen bestimmten Standort gebunden ist, liegt es nahe, den Hauptsitz zu wählen, der die günstigsten steuerlichen Rahmenbedingungen bietet. Aber es gibt auch noch viele andere Faktoren, die eine Rolle spielen bei der Auswahl eines Firmensitzes. Für GVC Holdings wird es zum Beispiel immer schwieriger, qualifizierte Mitarbeiter davon zu begeistern, auf die Isle of Man zu ziehen. Generell hat die gesamte Glücksspielindustrie ein großes Problem damit, gutes Personal zu finden. Ein attraktiver Standort in Großbritannien könnte viele Menschen, die nicht auf die Isle of Man umziehen wollen, davon überzeugen, dass GVC Holdings ein attraktiver Arbeitnehmer ist. Das Personalproblem gibt es übrigens auch für viele Unternehmen, die in Gibraltar, Malta und Zypern ansässig sind. Viele Menschen reisen gerne für den Urlaub auf eine Insel im Mittelmeer. Aber nicht jeder kann sich vorstellen, fernab der Heimat irgendwo im Mittelmeer zu leben. Ein anderer Faktor könnte auch die Außendarstellung sein. Es wird immer schwieriger für Konzerne öffentlich zu rechtfertigen, warum ein Standort in einem vermeintlichen Steuerparadies gewählt wird.

Großbritannien gut geeignet für Glücksspielanbieter

Großbritannien gehört zu den Ländern, die schon seit vielen Jahren Casino-Spiele und Sportwetten im Internet regulieren. Das führt unter anderem dazu, dass es diverse große Konzerne und Firmen der Glücksspielbranche gibt, die in Großbritannien ansässig sind. In Deutschland ist die Situation anders. Ein Konzern wie GVC Holdings könnte natürlich auch in Deutschland ansässig werden. Aber dann wäre es vermutlich nicht möglich, Casino-Spiele in Online Casinos in Deutschland anzubieten. Für das Sportwetten-Angebot gibt es mittlerweile zumindest eine Lösung, da es in Deutschland bald eine umfassende Regulierung geben wird. Aber Großbritannien ist deutlich unkomplizierter, wenn es um Glücksspiele und Sportwetten geht. Casinos und Buchmachern haben eine lange Tradition in Großbritannien, sodass auch die öffentliche Anerkennung wesentlich besser ist. In Deutschland wird die Debatte um Glücksspiel oft noch mit den Argumenten aus vergangenen Jahrzehnten geführt. Es wirkt manchmal so, als ob das World Wide Web nie erfunden worden wäre. Während sich einige Politiker über neue Spielhallen-Gesetze profilieren, sind die Glücksspiel-Fans längst ins Netz abgewandert.

GVC Holdings ist ein erfolgreicher Konzern, der viele bekannte Marken vereint. Das Geschäftsmodell ist sehr attraktiv und zukunftsträchtig. Ein solcher Konzern wurde grundsätzlich auch dem Standort Deutschland guttun. In Deutschland gibt es auch Glücksspielkonzerne, zum Beispiel den Gauselmann-Konzern. Aber es gibt keine großen Konzerne, die derzeit den Hauptsitz nach Deutschland verlegen würden. Dafür sind die Rahmenbedingungen ohne umfassende Regulierung von Online-Glücksspielen und Online-Sportwetten noch nicht gut genug. Es ist zum Beispiel so, dass der Gauselmann-Konzern diverse Zugeständnisse machen musste in den vergangenen Jahren, vor allem beim Online-Angebot, um den deutschen Standort beibehalten zu können. Es ist völlig klar, dass ein internationaler Konzern, der auf der Suche ist nach einem passenden Hauptsitz, nicht dazu bereit ist, einen großen Teil des Geschäftes aufzugeben, nur um einen Firmensitz in Deutschland zu haben. Für Glücksspielkonzerne gibt es jenseits der Steuerfrage nach wie deutlich attraktivere Länder als Deutschland. Aber vielleicht ändert sich das bald, denn auch in Deutschland sollen Online Casinos ab Mitte 2021 eine Lizenz bekommen können.