Der virtuelle Sport startet durch! Der virtuelle Sport stürzt ab! Wie kann das sein? Das ist alles eine Frage der zeitlichen Betrachtung. In diesem Jahr gab es einen gigantischen Aufschwung beim virtuellen Sport in Großbritannien. Im April und im Mai 2020 gab es durch die große Gesundheitskrise keine Sportveranstaltungen und deswegen eine riesige Nachfrage nach eSport. Doch seit wieder echte Sportveranstaltungen stattfinden, lassen die Sportwetten-Fans den virtuellen Sport links liegen.

Virtueller Sport begeistert britische Sportwetten-Fans

Virtual SportsDie UK Gambling Commission hat neue Daten zu den Aktivitäten bei den Buchmachern in den letzten Monaten veröffentlicht. Besonders spannend ist dabei der virtuelle Sport. Beim virtuellen Sport handelt es sich nicht um echte Veranstaltungen. Vielmehr generiert ein Computerprogramm eine Sportveranstaltung, auf die der Kunde dann wetten kann. Normalerweise ist der virtuelle Sport nicht sonderlich beliebt, auch wenn viele Buchmacher diese Variante für einige Enthusiasten im Programm haben. Aber in diesem Jahr ist vieles anders und deswegen hat der virtuelle Sport in Großbritannien zwei glänzende Monate erleben dürfen. Im April und Mai 2020 stiegen die Umsätze mit virtuellem Sport um sage und schreibe 48 Prozent. Bedauerlicherweise sind danach die Umsätze aber wieder auf das alte Maß zurückgefallen. Man muss kein Raketenwissenschaftler sein um zu verstehen, dass die besondere Situation im April und Mai die Ursache für die Popularität des virtuellen Sports war. Wenn nirgendwo auf der Welt halbwegs interessante Sportveranstaltungen stattfinden, suchen sich viele Sportwetten-Fans Alternativen. Einige Sportwetten-Fans haben auf Amateurfußball in Schweden getippt. Für andere Sportwetten-Fans war der Profifußball in Weißrussland die erste Wahl. Doch einige Sportwetten-Fans haben ganz offensichtlich den virtuellen Sport für sich entdeckt und Wetten auf Sportveranstaltungen platziert, die nur in einem Computer stattfanden.

Virtueller Sport wird schon seit vielen Jahren von zahlreichen Online Buchmachern angeboten. Es gibt einige Fans dieser besonderen Sportwetten-Variante. Aber im Großen und Ganzen lässt sich feststellen, dass der virtuelle Sport zumindest in der Buchmacher-Variante nicht die ganz große Nummer geworden ist, jedenfalls bislang. Die aktuellen Zahlen belegen, dass es auch keine Hoffnung gibt, dass sich das in naher Zukunft ändern wird. Sportwetten-Fans haben vor allem daran Freude, auf echte Sportereignisse zu tippen. Und der Fairness halber muss auch angemerkt werden, dass ein virtuelles Sportereignis immer nur eine Simulation ist, bei der ein Algorithmus und der Zufallsgenerator bestimmen, welche Ergebnisse herauskommen. Das mag unterhaltsam sein, wenn kein echter Sport verfügbar ist. Aber unter dem Strich verliert der virtuelle Sport immer gegen den echten Sport. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sich das in naher Zukunft ändert. Spannender Weise ist auch der Fantasy Sport, der in den USA seit Jahren ein Millionengeschäft ist, in Deutschland keine große Nummer geworden. Ganz offensichtlich mögen die deutschen Sportwetten-Fans richtigen Sport, vor allem Fußball. Aber manchmal dauert es auch eine Weile, bis ein Trend aus den USA in Deutschland Fuß gefasst. Für die Buchmacher gilt aktuell aber: Es gibt keine Hoffnung, über den virtuellen Sport auch nur ansatzweise die Einnahmen zu erzielen, die mit Wetten auf populäre Sportarten möglich sind. Nicht einmal auf dem Höhepunkt der Krise konnten die Buchmacher über den virtuellen Sport riesige Umsätze erzielen. Prozentual sehen die Steigerungen zwar stark aus, aber die absoluten Zahlen sind dann doch recht ernüchternd.

Virtueller Sport auf niedrigem Niveau stark gewachsen

Nach den Daten der UK Gambling Commission gab es im März 2020 genau 388.786 Spieler, die sich für den virtuellen Sport entschieden haben. Im April 2020 lag die Zahl bei 508.067 Spielern. Auf den ersten Blick wirken diese Zahlen spektakulär, aber es gibt wesentlichen mehr Sportwetten-Fans, die in normalen Zeiten reguläre Sportwetten auf echte Sportevents platzieren. Tatsächlich handelt es sich bei den Aktivitäten im virtuellen Sport nur um einen kleinen Randaspekt. Wenn ein fast verschwindend geringer Bruchteil des Gesamtgeschäftes um 48 Prozent in der größten Krise seit Jahrzehnten wächst, ist das alles andere als herausragend. Die Umsätze mit dem virtuellen Sport hätten sich vervielfachen müssen, damit die Buchmacher einen deutlichen Effekt in ihren Bilanzen gesehen hätten. Tatsächlich haben sich viel mehr Sportwetten-Fans dazu entschieden, auf die letzten Sportevents auf dem Planeten zu tippen. Wenn ein ganz gewöhnlicher Buchmacher-Kunde lieber auf Fußball in Weißrussland tippt, als virtuellen Sport zu nutzen, ist das ein klares Signal. Selbst die unattraktivsten herkömmlichen Sportwetten sind immer noch interessanter für die meisten Buchmacher-Kunden als virtuelle Sportevents. Wirklich überraschen sollte das niemanden, denn die Attraktivität der Sportwetten hängt vor allem davon ab, dass Menschen beim Sport darüber entscheiden, welche Wetten erfolgreich sind. Wenn ein Computer entscheidet, kann nie die gleiche Spannung und Aufregung entstehen wie bei richtigen Sportevents. Richtige Sportevents sind greifbar für die Beobachter und es ist nachvollziehbar, was wirklich passiert. Wer versteht schon, wie ein Algorithmus beim virtuellen Sport funktioniert?

Kritiker mögen vielleicht einwenden, dass die aktuellen Zahlen nur von der UK Gambling Commission stammen und deswegen vor allem den britischen Markt betreffen. Aber alle Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass der virtuelle Sport auch auf dem deutschsprachigen Markt keine wichtige Rolle spielt. Tendenziell ist es eher so, dass der virtuelle Sport speziell von den deutschen Buchmacher-Kunden noch weniger genutzt wird als von den britischen. Woran das genau liegt, wäre eine interessante Forschungsaufgabe. Vielleicht stimmt das Vorurteil, dass die Deutschen skeptisch sind bei modernen technischen Produkten und im Zweifel lieber auf vertraute Produkte vertrauen, die schon länger auf dem Markt sind. Das ändert aber alles nichts daran, dass generell der virtuelle Sport in Europa keinen großen Marktanteil hat. Auch in den USA wird der virtuelle Sport als Basis für Sportwetten wohl keine große Nummer werden. Doch der Grund ist vielleicht ein bisschen anders als in Europa. Der virtuelle Sport wird jetzt schon von einigen Bundesstaaten in den USA als Glücksspiel ausschließlich im Casino-Bereich angeboten. Dahinter steckt eine gewisse Logik, denn beim virtuellen Sport entscheiden keine Sportler darüber, wie ein Event ausgeht. Wenn der Zufallsgenerator über den Ausgang eines Spiels entscheidet, ist der Unterschied zu einem Spielautomaten nur sehr gering. Vielleicht sollten die Glücksspielanbieter auch in Deutschland einmal versuchen, den virtuellen Sport in Casinos anzubieten und nicht als Alternative zu Sportwetten im Buchmacher-Bereich.

Buchmacher sind auf echten Sport angewiesen

Im ersten Halbjahr 2020 hat sich in brutaler Weise gezeigt, wie sehr die Buchmacher darauf angewiesen sind, dass echter Sport stattfindet. In der gesamten Branche hat es vermutlich niemand gegeben, der ernsthaft damit gerechnet hat, dass irgendwann einmal alle Sportveranstaltungen auf der Welt abgesagt werden. Doch genau das ist, mit sehr wenigen Ausnahmen, in den letzten Monaten passiert. Langsam kommen die Sportveranstaltungen wieder zurück und die Wettanbieter machen wieder ordentliche Geschäfte. Aber für viele Glücksspielanbieter, die neben den Sportwetten keine anderen Glücksspiele im Programm haben, könnte ein Strategie-Wechsel anstehen. In Zukunft werden sich alle Unternehmen und Konzerne in der Glücksspielbranche ganz genau überlegen, wie der optimale Mix aussehen wird. Schon jetzt ist es üblich, dass viele Buchmacher auch ein Online Casino haben. Aber vielen Wettanbietern ginge es aktuell besser, wenn die Einnahmen aus dem Casino-Bereich schon vor der Krise deutlich höher gewesen wären. Dann wäre es auf dem Höhepunkt der Krise, als kaum noch Sportwetten platziert wurden, viel einfacher gewesen, die Verluste mit Casino-Spielen zu kompensieren.

Es kann gut sein, dass sich das Glücksspielgeschäft insgesamt verändern wird durch die Krise. Poker hat in den letzten Monaten eine regelrechte Renaissance erlebt. Beim Online-Poker gibt es genauso wie bei den Online Slots oder den Online-Tischspielen den Vorteil, dass keine echten Events vorhanden sein müssen. Interessanterweise sind sogar die Live-Dealer-Spiele nahezu komplett durchgelaufen, ohne dass irgendwelche Unterbrechung gegeben hätte. Die Anbieter der Live-Dealer-Spiele haben es geschafft, trotz der Gesundheitskrise frühzeitig Vorkehrungen zu treffen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Die rein virtuellen Glücksspiele werden vielleicht in Zukunft ein en noch größeren Anteil am Portfolio der diversen Anbieter ausmachen. Das Sportwetten-Geschäft wird auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen, aber viele Firmen werden sich darauf besinnen, das Geschäft etwas breiter aufzustellen, um auf eventuelle Krisen in der Zukunft besser vorbereitet zu sein. Einen Vorteil haben die Online-Buchmacher allerdings auch in der Krise: Im Gegensatz zu den Anbietern klassischer Wettbüros konnten die Online-Buchmacher das Geschäft durchgehend offenhalten und sehr schnell reagieren, als die Bundesliga mit dem Neustart einen wichtigen Meilenstein gesetzt hat.