Erlebt das Glücksspiel in Krisen einen Aufschwung? Ist Glücksspiel zumindest krisenfest? Aktuelle Erfahrungen aus Österreich zeigen, dass ein differenzierter Blick wichtig ist. Generell lässt sich aktuell nicht feststellen, dass das Glücksspiel unbeeinträchtigt ist von der Krise. Bei der Bewertung der Krisenfestigkeit muss nach den aktuellen Erfahrungen zwischen Offline-Angeboten und Online Casinos unterschieden werden. Dazu gibt es immer mehr vermischte Nachrichten. Wir haben uns die Sache mal genauer angesehen. 

Umsatzeinbußen beim Lotto – zuverlässiger Indikator?

Schon seit Jahrzehnten erzählen sich Menschen, die in irgendeiner Form mit dem Glücksspiel beruflich zu tun haben, dass es sich um eine krisenfeste Branche handele. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass es nur noch nicht die richtige Krise gegeben hat. In der aktuellen Gesundheitskrise lässt sich jedenfalls feststellen, dass in bestimmten Bereichen der Umsatz beim Glücksspiel deutlich zurückgeht. In Österreich lässt sich derzeit sehr gut dokumentieren, dass deutlich weniger Lotto gespielt wird als sonst. Das ist überraschend, denn nach der gängigen Krisentheorie der Glücksspiel-Spezialisten sollte es eigentlich umgekehrt sein. Da viele Menschen durch wirtschaftliche Sorgen beeinträchtigt werden, müsste es eigentlich deutlich mehr Lottospieler geben. Haben diese Lottospieler das Memo nicht gelesen oder einen Mathekurs gemacht, in dem die niedrige Gewinnchance beim Lotto detailliert erklärt worden ist? Aber vielleicht ist die Erklärung auch einfacher, denn nicht nur in Österreich ist Lotto in vielerlei Hinsicht ein besonderes Glücksspiel. Wie funktioniert Lotto? Die Lottospieler müssen einen Lottoschein kaufen und dann auf die Ziehung der Lottozahlen warten. Noch einfacher kann ein Glücksspiel kaum strukturiert sein. Das ist einer der Gründe, warum Lotterien weltweit erfolgreich sind. Der andere wichtige Faktor ist, dass es möglich ist, mit einer Lotterie zum Millionär zu werden.

StatisticWer möchte in der Krise nicht zum Millionär werden? Vermutlich träumen gerade viele Lottospieler besonders intensiv davon, den Hauptgewinn abzuräumen. Doch in der aktuellen Krise ist es nicht ganz einfach, einen Lottoschein zu bekommen. Warum ist das so? Viele Geschäfte, die Lotterielose verkaufen, sind geschlossen oder waren sehr lange geschlossen. In Österreich und Deutschland öffnen langsam wieder die ersten Geschäfte, die auch Lotterielose verkaufen. In Deutschland werden Lottoscheine zum Beispiel in zahlreichen Zeitschriftenläden verkauft. Wenn diese Läden geschlossen sind, können viele Lottospieler keine Lottoscheine mehr kaufen. Das könnte ein wichtiger Faktor sein, warum der Umsatz auch beim Lotto in Österreich in den Keller gegangen ist. Wenn die Lottoannahmestellen wieder flächendeckend verfügbar sind, kann es gut sein, dass sich der Umsatz beim Lotto wieder normalisiert oder sogar nach oben geht. Seriös lässt sich das nicht abschätzen, da es auch sein kann, dass viele Lottospieler im Moment andere Sorgen haben als den Kauf eines Lottoscheins. Aber es wäre auch verkehrt, die Krise schon jetzt prinzipiell als Verursacher für den sinkenden Umsatz auszumachen. Die Krise ist aber mindestens indirekt der Grund dafür, dass die Lottogesellschaften weniger Geld einnehmen. Doch vielleicht würden viele Menschen gerne Lottoscheine kaufen und haben aktuell nur nicht die Möglichkeit dazu. Vermutlich bereuen gerade einige Lottogesellschaften, nicht nur in Deutschland und Österreich, die Digitalisierung nicht schneller vorangetrieben zu haben. Eigentlich sollte es doch längst Standard sein, per Handy schnell und unkompliziert einen Lottoschein kaufen zu können.

Öffnung von Spielhallen und Spielbanken sehnsüchtig erwartet

Ein anderer Bereich, in dem sich im Moment schwer abschätzen lässt, wie krisenfest das Glücksspiel ist, sind die Spielhallen und Spielbanken. Die klassischen Casinos mit Spielautomaten und Tischspielen mussten ebenso wie viele andere Ladengeschäfte geschlossen werden. Wenn die Spielhallen und Spielbanken wieder Besucher empfangen können, wird sich relativ schnell zeigen, wie groß der Bedarf nach Glücksspiel ist. Speziell in Österreich und Deutschland gilt, dass ein großer Teil des Umsatzes im klassischen Beton-Geschäft gemacht wird. Obwohl seit vielen Jahren Online Casinos gibt, gibt es doch nach wie vor viele Glücksspiel-Fans, die viel lieber in Spielhallen und Spielbanken gehen, um ihrem Hobby zu frönen. An dieser Stelle gibt es deswegen keinen zuverlässigen Indikator dafür, ob die Glücksspiel-Nachfrage krisenfest ist. Was sich allerdings feststellen lässt: Das klassische Glücksspiel-Angebot ist keineswegs krisenfest. Das ist eine ganz neue Erfahrung für die Betreiber von Spielhallen und Spielbanken. Bislang galt immer: Spielhallen und Spielbanken sind immer verfügbar, ganz unabhängig davon, welche politische oder wirtschaftliche Krise gerade läuft.

Eine Gesundheitskrise hatte die Glücksspielindustrie offensichtlich nicht auf dem Schirm, genauso wie die meisten anderen Branchen. Ansonsten hätte es vielleicht schon früher einmal Strategien gegeben, um einer derartigen Krise in irgendeiner Form besser begegnen zu können als aktuell. Für die meisten Betreiber von Spielhallen und Spielbanken gilt bei der Schließung: Sämtliche Einnahmen fallen weg. Das ist dramatisch, vor allem für die kleinen Spielhallen-Betreiber, die oft mit einer einzigen Spielhalle ihren gesamten Lebensunterhalt erwirtschaften müssen. Wenn von der Krisenfestigkeit der Glücksspielindustrie die Rede war, ging es immer um die Glücksspiel-Nachfrage, nie um das Glücksspiel-Angebot. Aus irgendeinem Grund hat sich offensichtlich niemand in der Branche vorstellen können, dass es einmal äußere Gründe mit Ausnahme eines Kriegs geben könnte, der zur Schließung von Spielhallen und Spielbanken führen würde. Der Fairness halber muss erwähnt werden, dass es für die Betreiber der Spielhallen und Spielbanken nur eine Möglichkeit zur Krisenvorsorge gegeben hätte: einen Teil der Einnahmen zurücklegen für schlechte Zeiten. Vielleicht wird der eine oder andere Casino-Betreiber in Deutschland aber demnächst auch Online-Glücksspiele anbieten, um für ähnliche Krisen in Zukunft besser gerüstet zu sein. Die nötigen Voraussetzungen dafür gibt es ab Mitte 2021, wenn der neue Glücksspielstaatsvertrag in Kraft tritt. Ab diesem Zeitpunkt wird es möglich sein, in Deutschland Online-Glücksspiele mit einer deutschen Lizenz anzubieten.

Online-Glücksspiel bewährt sich in der Krise

Alle Faktoren, die dazu führen, dass derzeit das Glücksspiel in den Spielhallen und Spielbanken sowie bei Lottoanbietern nicht oder nicht wunschgemäß funktioniert, gibt es beim Online-Glücksspiel nicht. Es ist derzeit nicht völlig klar, wie sich die Umsätze in Online Casinos in den letzten Monaten durch die Krise entwickelt haben. Erst bei den nächsten Quartalsmeldungen der großen Konzerne wird wahrscheinlich klar werden, ob auch die Online-Branche Einbußen vermelden muss. Erste Wasserstandsmeldungen deuten aber darauf hin, dass das nicht der Fall ist und zumindest einzelne Anbieter sogar steigende Umsätze verzeichnen. Das wäre auch nachvollziehbar, wenn man annimmt, dass die Glücksspiel-Nachfrage nicht wesentlich beeinträchtigt wird durch die aktuelle Krise. Wenn dann gleichzeitig auch noch ein Glücksspiel-Angebot in ausreichendem Umfang vorhanden ist, gibt es keinen Grund anzunehmen, dass die Umsatzzahlen in den Keller gehen. In der aktuellen Krise funktionieren die Online Casinos prinzipiell deutlich besser als Spielhallen und Spielbanken, da das Angebot nicht eingestellt werden muss. Trotzdem sind die Betreiber von Online Casinos gut beraten, die aktuelle Krise nicht als Argument dafür zu nutzen, dass Online-Glücksspiel für alle Zeiten als krisenresistent zu bezeichnen.

Es sind durchaus Krisen vorstellbar, in denen auch das Online-Glücksspiel beeinträchtigt würde. Mini-Krisen gibt es immer wieder einmal, wenn zum Beispiel ein Anbieter gehackt worden ist. Dann kann es durchaus sein, dass ein Angebot einmal für ein paar Stunden oder sogar Tage nicht verfügbar ist. Erstaunlicherweise passiert das nur sehr selten und meistens auch bei eher kleinen oder neuen Anbietern, deren Sicherheitstechnik nicht ausgereift ist. Aber grundsätzlich sind auch technische Probleme vorstellbar, die es den Online Casinos schwer machen würden. Es gibt zum Beispiel Infrastruktur-Experten, die in einigen europäischen Ländern seit Jahren davor warnen, dass es zu größeren Problemen bei der Stromversorgung kommen könnte, weil die Stromnetze nicht ausreichend gewartet werden. Auch ein gigantisches Internetproblem könnte dazu führen, dass Online Casinos für eine Weile keine Einnahmen erzielen könnten. Das mag im Moment alles ein bisschen weit hergeholt klingen, aber wer hätte vor wenigen Monaten gedacht, dass die ganze Welt plötzlich das Opfer einer Gesundheitskrise wird? Auch die Anbieter von Online-Glücksspielen wären gut beraten, für schlechte Zeiten vorzusorgen. Da das Glücksspiel online wie offline ein Milliardenmarkt ist, sollte es eigentlich möglich sein, die nötigen Reserven zu schaffen, um auch eine längere Krisenzeit mehr oder weniger unbeschadet zu überstehen.