Wegen des „Verdachts der gewerbsmäßigen Untreue und Steuerhinterziehung in besonders schwerem Fall“ steht ein suspendierter Steueramtsinspektor des Finanzamts Syke nun in Verden vor Gericht. Knapp eine Millionen Euro soll er sich im Zeitraum Herbst 2017 bis April 2020 in insgesamt 81 Fällen von der Staatskasse auf sein privates Konto überwiesen haben. Soeben legte ein hinzugezogener psychiatrischer Sachverständiger ein Gutachten ab. Dieses Gutachten attestiert dem 29-Jährigen „... eine pathologische Spielsucht im oberen Bereich“.

Prozess gegen Finanzbeamten, der ca. 1 Mio Euro Steuergelder beim Glücksspiel verzockte hat begonnen

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Ans Licht kam dieser Fall im Juli vergangenen Jahres, nach einer „Kontrollmitteilung durch eine Bank“. Nach dem Geldwäschegesetz sind Banken und andere Kreditinstitute in Deutschland zur Meldung „auffälliger Kontobewegungen“ verpflichtet. Daraufhin recherchierte die Behörde über mehrere Monate hinweg und hatte zunächst auch noch fünf weitere Finanzbeamte in Verdacht. Im März waren dann auch die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft abgeschlossen. Staatsanwalt Alexander Hege bestätigte jedoch in einer Pressemitteilung, dass die Strafverfolgungsbehörde die „Ermittlungen gegen alle anderen Beteiligten wegen mangelnden Tatverdachts“ eingestellt hat. „Es konnte nachgewiesen werden, dass sie keinerlei Kenntnis von der Tat hatten,“ sagte Hege auf Nachfrage. Nun hat der Prozess begonnen, zu dessen Auftakt der vorsitzende Richter Markus Tittel bemerkte, dass es verwunderlich sei, dass diese Straftat über einen Zeitraum von so vielen Monaten nicht aufgefallen sei. Er sagte wörtlich: „Nicht das goldene Verbrechen, sondern Harakiri, das zweieinhalb Jahre gut gegangen ist“. Der ehemalige Finanzbeamte zeigte sich bereits zu Beginn des Prozesses geständig. Als Grund für seine Veruntreuung gab er seine extreme Spielsucht an. Laut seiner persönlichen Einschätzung hätte er seit dem Jahre 2009 vermutlich einen Betrag von insgesamt zwei bis zweieinhalb Millionen Euro verspielt. Dieses Schuldeingeständnis ist in etwa deckungsgleich mit dem nun vorliegenden psychiatrischen Gutachten, das dem Angeklagten „... eine hochgradig pathologische Abhängigkeit vom Glücksspiel“ bescheinigt. Diese Abhängigkeit war auch einigen Menschen aus dem persönlichen Umfeld des 29-Jährigen bekannt, wenn auch nicht in vollem Ausmaß.

Bereits 2011 hatten seine Eltern für norddeutsche Casinos eine Spielersperre ihres Sohnes erwirkt und ihrem Filius an die 40.000,- Euro zur Verfügung gestellt, damit er seine Spielschulden begleichen konnte. In den Sitzungen mit dem psychiatrischen Gutachter gab der Angeklagte an, dass er „... auf dem Höhepunkt seiner Suchtkarriere“ manchmal bis zu 14 Stunden täglich in Online Casinos gezockt habe. Wenn seine finanziellen Reserven ausgeschöpft waren, nutzte er einfach kostenlose Angebote von unterschiedlichen Online Betreibern, wie beispielsweise deren Online Casino Bonus ohne Einzahlung. Der Psychiater bestätigte ihm eine sehr „schwere Spielsucht“, allerdings könne man im Hinblick auf die verübten Straftaten nicht von „... einer eingeschränkten Einsichts- und Steuerungsfähigkeit“ ausgehen. Nach Ansicht des Sachverständigen sei eine „... Begehung der Delikte in ihrem Ausmaß und über einen solch langen Zeitraum“ unter oben genanntem Aspekt unmöglich. Dabei zog er auch die Tatsache hinzu, dass der 29-Jährige mit dem veruntreuten Geld u. a. einen Urlaub im Wert von 100.000,- Euro finanziert hatte sowie ein neues Auto.

Dem Finanzbeamten drohen bis zu zehn Jahre Haft wegen Veruntreuung von 1 Mio Steuergeldern

Bei dem Prozess vor der 4. Großen Wirtschaftskammer des Landgerichts Verden wird nun die Veruntreuung von rund 927.000,- Euro verhandelt. Der Angeklagte wurde von seinem Job als Steueramtsinspektor, durch den er Zugriff auf Finanzkonten hatte, mittlerweile suspendiert und ist geständig. Als Tathergang steht im Raum, dass er sich von diesen Finanzkonten Gutschriften ausstellte und auf sein persönliches Privatkonto transferierte. Für diese Transaktionen nutzte er mutmaßlich „... Steuernummern, die inaktiv gestellt“ waren  und möglicherweise zudem von „Unternehmen in Insolvenzverfahren“ stammten. In der Anklageschrift heißt es dazu: „Er erzeugte Guthaben durch Umbuchungen und zahlte diese auf sein Konto aus. Das Ursprungskonto bereinigte er durch Niederschlagung von Steuerforderungen“. Die Summe der veruntreuten Beträge steigerte sich im Laufe der Zeit. Ziemlich genau ein Jahr vor dem Beginn des Prozesses soll er sich noch rund 121.000,- Euro überwiesen haben. Kurz darauf flogen seine Machenschaften auf. Der gerade erst beförderte Steueramtsinspektor wurde daraufhin mit sofortiger Wirkung suspendiert. Sein Strafverteidiger Helmut Pollähne vermutet: „Wäre nicht an das Finanzamt von außen herangetreten worden über den Verdacht der Geldwäsche, wäre er noch immer dort tätig und würde Gelder abzweigen“. Er sprach von einer „massiven Spielsucht“ und fügte außerdem hinzu: „Die Vorwürfe sind leider in vollem Umfang zutreffend.“

Der Angeklagte hätte beim Online Roulette seinen höchsten Einzelgewinn in Höhe von 617.000,- erzielt, der jedoch niemals ausgezahlt worden sei. In der Anklageschrift spricht die Staatsanwaltschaft Verden nur von einer sogenannten Spielleidenschaft und nicht von einer Spielsucht. Dies ändert nun vermutlich das psychiatrische Gutachten. „Alles weg, alles verspielt,“ gibt der Angeklagte auf die Frage nach dem Verbleib des veruntreuten Geldes zu Protokoll. Durch Sperrvermerke hatte der ehemalige Beamte automatische Mahnung verhindert. Zunächst waren Informationen über Guthaben noch auf seinem Schreibtisch gelandet, doch nachdem er den Arbeitsbereich wechselte, fing er diese ab. Gegen fünf weitere Finanzamts-Mitarbeiter, die anfänglich ebenfalls unter Verdacht geraten waren, wurden die Verfahren inzwischen eingestellt, da der Angeklagte offensichtlich nur deren Vertrauen missbraucht und ihre Passwörter benutzt hatte, um seine privaten Transaktionen ausführen zu können. Dem 29-Jährigen drohen bei Verurteilung bis zu zehn Jahre Gefängnis.