Da hat man wohl den Bock zum Gärtner gemacht, wie der Volksmund sagen würde. Ein spielsüchtiger Angestellter soll das Casino Royal in Bad Homburg um insgesamt 1,5 Millionen Euro erleichtert haben und sitzt deswegen seit kurzem vor dem Frankfurter Landgericht auf der Anklagebank. Dabei werden vielleicht ein paar interessante Fragen beantwortet werden können, die sich dem Betrachter des Falles unwillkürlich stellen. Die Nachrichten dazu überschlagen sich. Erstens, wie es überhaupt möglich ist eine Spielbank zu bestehlen, die ja eigentlich über ein ausgeklügeltes Sicherheitssystem verfügen sollte. Zum Zweiten, wie es dem Angestellten möglich war, dies so lange erfolgreich zu praktizieren, und warum das Casino Royale nicht schon früher – es gab entsprechende Hinweise – eingeschritten ist. Und drittens, warum überhaupt ein Spielsüchtiger Angestellter des Casinos Royal in Bad Homburg werden konnte. Und dann vielleicht noch die ein oder andere Frage, die sich aus dem Verlauf des Prozesses ergibt. Etwas irre ist das Ganze schon, aber ja nicht der erste Fall, in dem Angestellte eine Spielbank beraubten. 

Familienbande sind doch für etwas gut

Casino Bad HomburgDenn der wegen Diebstahl und Unterschlagung angeklagte 28-jährige Deniz A. bekam seinen Job bei der Spielbank in Bad Homburg durch seinen Vater und seinen Bruder vermittelt, die beide bereits im Casino Royal beschäftigt waren. Dass der vermeintliche Täter aber seit seinem Realschulabschluss als spielsüchtig gilt, ist entweder beim Einstellungsgespräch nicht relevant gewesen oder nicht angesprochen worden. Und seine Familie schien sich auch keine Sorgen zu machen, dass dies eventuell nicht die richtige Arbeitsstelle bei einer solchen Erkrankung war. Wie dem auch sei, Deniz A. muss einen guten Job gemacht haben, denn er stieg innerhalb kürzester Zeit vom Kellner zum Assistenten der kaufmännischen Leitung auf, da, wie einem Leiter auffällt Deniz A.: „… bei der Getränkebuchung relativ fix“ ist. 

Fix war er wohl auch bei der Entwicklung eines Planes, wie das Casino Bad Homburg um ein wenig Geld zu erleichtern sei. Eine Aufgabe von Deniz A. war es das gesamte Bargeld des Unternehmens abzurechnen, es von einem Tresor zum nächsten zu bringen und es für den Geldtransport einzupacken. Er nutzte dann wohl seine Vertrauensstellung aus und entnahm über einen längeren Zeitraum Devisen im Wert von fast 300.000 Euro um diese am Frankfurter Hauptbahnhof in Euro umzutauschen. Die Entnahme kaschierte er indem er im Buchungssystems des Casinos kleinere Summen einpflegte. 

Doch irgendwann fiel sogar der Geschäftsleitung des Casinos der Verlust auf, den man aber nicht direkt einer Person zuordnen konnte. Der Kreis der Täterschaft war zu groß und auch an externe Beteiligte wurde gedacht. So schaltete man die Polizei ein, aber der Betrieb lief erstmal normal weiter. „Es ist es nicht so, dass morgens ein Mitarbeiter die Einnahmen aus dem Tresor holt und sie zu Fuß zur Bank bringt. Wir haben eng mit Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft zusammengearbeitet, unser internes Kontrollsystem angepasst sowie eine Top-Forensikerin und eine renommierte Kanzlei einbezogen.” So ein damaliges Statement der Geschäftsführung. Vielleicht hätte man sich zu diesem Zeitpunkt auch schon einmal das Facebook-Profil des Angeklagten anschauen sollen, in dem er sich darüber freute einen 50.000 Euro Jackpot im Casino in Wiesbaden gewonnen zu haben.

Und es reichte immer noch nicht aus

Da er seinen Bedarf an frischem Geld aber mit seiner bisherigen Methode nicht decken konnte, entwickelte der Angeklagte ein neues System. Die sogenannten „Safepacks“ des Casinos trennte er nach der Verpackung noch einmal auf und „lieh“ sich ein wenig Geld. Danach wurden die Packs neu beschriftet, damit der Schwindel nicht aufflog. Aber es kam dann doch anders. Das verbesserte Sicherheitssystem des Casinos filmte Deniz A. nämlich bei der Entnahme aus einem Tresor. Bis zu seiner Verhaftung verging dann aber noch eine gewisse Zeit, was auch in der schwierigen rechtlichen Situation der Videoauswertung und dessen Zulassung als Beweismittel lag. Bis dahin kleidete der Angeklagte sich in vornehmen Klamotten, trug eine Rolex und verspielte eine ordentliche Summe in der Spielbank in Wiesbaden. Aber er zahlte auch einen Teil des „geliehenen“ Geldes wieder zurück. Immerhin 700.000 Euro soll er nach eigenen Angaben an das Casino Royal wieder „zurückgezahlt“ haben. Der Rest des gestohlenen bzw. veruntreuten Geldes ist aber noch nicht wieder aufgetaucht. Auch sein Vater und sein Bruder übrigens nicht. 

Deniz A. muss wohl zwischen zwei und drei Jahren ins Gefängnis wandern. Immerhin ist er geständig, was sich strafmildernd auswirkt. Trotzdem muss sich das Casino nun einige Fragen gefallen lassen, insbesondere in Bezug auf ihr Sicherheitssystem und den Umgang im speziellen mit diesem Vorgang. Wie konnte Deniz A. überhaupt eingestellt werden, und warum hat man nicht schneller reagiert, als man den Verlust des Geldes bemerkte. Der Prozess wird darauf vermutlich einige Antworten geben können. Und Deniz A. wird im Gefängnis auch genügend Zeit haben, zu überlegen, was er nun mit seinem Leben in Zukunft anfangen soll. Und vielleicht wird er ja auch von seiner Spielsucht befreit und kann dann andere davor warnen. Zutritt zu einem Casino wird er wohl nicht mehr erhalten, aber dies wird ja auch seinem eigenen Schutz dienen.