Gut sieben Jahre ist jetzt her. Damals wandte sich die Polizei an die Bevölkerung und bat um Hinweise. „Polizei fahndet nach Casino Räuber“ titelte die regionale Presse und hoffte, Zeugen zu finden. Erst im März vergangenen Jahres tauchte ein junger Mann auf dem Polizeirevier in Morsbach auf und sorgte zunächst nur für reichlich Verwirrung. „Ich bin der gesuchte Räuber,“ teilte er den fassungslosen Beamten mit. Reue hatte den 28-Jährigen all die Jahre hinweg geplagt und aus diesem Grund hatte er beschlossen, sich zu stellen. Wäre das nicht geschehen, dann wären die Überfälle aus den Jahren 2011 und 2012 wohl niemals aufgeklärt worden. Jetzt stand er vor Gericht und das Landgericht verhängte eine Bewährungsstrafe gegen den Mann.

Staatsanwaltschaft forderte 3 Jahre Gefängnis

Casino Betrug„Aktuell hatten wir nach keinem Räuber gesucht – zum Glück!" So lautete die Aussage des Hauptkommissars, der an dem besagten Abend Dienst hatte. Er war als Zeuge vor die Große Jugendkammer des Landgerichts Mosbach geladen worden. Zur Verhandlung standen zwei Raubüberfälle. Ein mittlerweile 28-jähriger Mann hatte im September des Jahres 2011 ein Spielcasino in Morsbach überfallen und gute fünf Wochen danach ein weiteres Casino in Haßmersheim. Da der junge Mann zum Tatzeitpunkt erst 19 Jahre gewesen war, wurde er nach dem Jugendstrafrecht verurteilt und erhielt eine anderthalbjährige Bewährungsstrafe für einen besonders schweren und einen schweren Raub. Drei Jahre hatte die Staatsanwaltschaft in diesem Prozess gefordert, denn der Mann beging beide Überfälle bewaffnet. Eine Schreckschusspistole - wenn auch ungeladen - trug er in Morsbach bei sich, und in Haßmersheim tauchte er mit „... einem großen, machetenartigen Messer“ auf, das er der Mitarbeiterin der Spielhalle an den Hals hielt. Mit den Waffen zwang er die Angestellten die Tageseinnahmen herauszugeben. Dabei handelte es sich in Morsbach um 1.800,- Euro und in Haßmersheim um 3.500,- Euro.

Widersprüchliche Geständnisse

Das Besondere an diesem Fall war nicht allein die Tatsache, dass der junge Mann Reue zeigte und sich nach so langer Zeit den Behörden stellte. Eher außergewöhnlich war obendrein, dass er zwei unterschiedliche Versionen eines Geständnisses ablegte. Anfangs gab er sowohl bei der Polizei, als auch bei den hinzugezogenen Sachverständigen an, die Taten vollkommen allein durchgeführt zu haben. Einige Zeit später widersprach er sich an diesem Punkt dann wieder und behauptete, dass die beiden Überfälle mit den Casino Mitarbeitern zuvor abgestimmt worden waren. Als „Belohnung“ hätten diese dann einen Teil des erbeuteten Geldes bekommen. Während der Verhandlung wiesen die beiden Beschuldigten diese Behauptungen weit von sich. Dass er so widersprüchlich ausgesagt hatte rechtfertigte der Beklagte damit, dass er keine der beiden weiblichen Mitarbeiterinnen „... in die Pfanne hauen“ wollte. Was das Strafmaß betrifft, so macht dieser Widerspruch bei der Aussage jedoch einen enormen Unterschied aus. Sofern seine Behauptung zutrifft, dann darf man vom Gesetz her nicht mehr von einem „Raub“ ausgehen, sondern muss den Fall als „gemeinschaftliche Unterschlagung“ werten. So sieht es jedenfalls die Anwältin des 28-Jährigen. Wegen Verjährung hatte sie bereits einen Antrag auf Einstellung des Verfahrens gestellt. Aus diesem Grund war es den beiden Frauen, die in den Casinos angestellt waren, auch nicht möglich, von ihrem Recht der Aussageverweigerung Gebrauch zu machen. Die Tat wäre so oder so verjährt - auch wenn es zu vorherigen Absprachen gekommen wäre und sie sich damit schuldig gemacht hätten.

Michael Haas, Vorsitzender Richter am Jugendgericht Morsbach und die Jugendkammer stellten die Glaubwürdigkeit der beiden Frauen nicht in Frage. Nach dem Überfall hatte sich eine von ihnen sogar in psychiatrische Behandlung begeben. Außerdem sprach es in den Augen der Kammer gegen eine Absprache im Vorfeld, dass der Angeklagte mehrfach den Safe Code des Casinos falsch eingegeben hatte.

Mildes Urteil

Es drängt sich nun wirklich die Frage auf, weshalb sich ein junger Mann freiwillig der Polizei stellt, der sich in den vergangenen Jahren ein geregeltes Leben aufgebaut hat. Dass absolut gar nichts auf ihn als Täter hingedeutet habe, sagten verschiedene, als Zeugen vorgeladene Polizisten aus. Diese beiden Fälle wären ohne das Geständnis des 28-Jährigen vermutlich niemals aufgeklärt worden. „Es hat mich jahrelang begleitet und psychisch schwer belastet". So erklärte der Angeklagte, weshalb er beschloss, sich zu stellen. Er war zum Zeitpunkt der Taten abhängig von Amphetaminen gewesen und hätte obendrein viel Cannabis geraucht. Geldnot hätte ihn damals dazu veranlasst, die beiden Raubüberfälle zu begehen. Damit hätte er dann versucht, seine Sucht zu finanzieren. Allerdings seien seine Schuldgefühle immer größer geworden, so dass er sogar einen Suizidversuch unternommen hätte. Auch hatte er mehrfach versucht sich seine Straftaten von der Seele zu reden. Zuerst probierte er es bei Familienangehörigen und anschließend dann auch bei seiner Therapeutin, die er während des Drogenentzugs aufsuchte. Der erste Entzug im Jahre 2018 klappte nicht. Er wurde schnell wieder rückfällig. Im Jahr darauf erfolgte die zweite Entgiftung. Seit mehr als einem Jahr sei er jetzt clean, versicherte der Angeklagte.

Er habe sich das „... relativ milde Urteil selbst verdient“ sagte Richter Haas bei der Urteilsbegründung. „Hätten wir Sie ins Gefängnis geschickt, wäre alles, was Sie sich aufgebaut haben, weg gewesen", so Haas weiter: „Sie haben in den letzten Jahren eine positive Entwicklung durchlaufen und etwas aus Ihrem Leben gemacht." Regelmäßige Drogen Screenings gehören nun mit zu seinen Bewährungsauflagen, für die einen sogenannten Wertersatz in Höhe von ca. 5.400,- Euro leisten muss. Die Anwältin des jungen Mannes ließ indes durchsickern, dass man noch nicht sicher sei, ob man dieses Urteil annehmen würde. Dass sie der zweiten Version des Geständnisses ihres Mandanten glaubt, hatte sie in ihrem Plädoyer klargemacht. Der Fall sei für sie noch nicht am Ende, da es noch immer „... so viele Auffälligkeiten“ gäbe.