Die britische Glücksspielindustrie hat einige große Herausforderungen vor sich. Einige Experten sehen die gesamte Branche sogar vor dem Scheideweg. In den letzten Monaten hat die Gesundheitskrise, die vor allem England besonders heftig getroffen hat, den Glücksspielanbietern das Leben schwer gemacht. Doch nun warten neue Herausforderungen, die zusätzlich zur Krise für Probleme sorgen könnten. Auch die Online Casinos bleiben nicht ungeschoren. Für die britischen Buchmacher sind die Zeiten schlecht. In den letzten Monaten haben die vielen Sportveranstaltungen und die behördlich angeordneten Schließungen dafür gesorgt, dass der Umsatz in den Keller gegangen ist. Mittlerweile hat sich der Sportwetten-Markt einigermaßen erholt, aber vor allem für die landbasierten Buchmacher ist es nach wie vor schwierig, schwarze Zahlen zu schreiben. Die Online-Buchmacher sind etwas besser aufgestellt, aber vor allem viele kleine Anbieter könnten dieses Jahr in große wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten.

Kommen viel strengere Regeln für Glücksspielanbieter?

UK Flagge England Big Ben CasinoBei den klassischen Wettbüros hat es schon vor der Gesundheitskrise viele Schließungen gegeben, da die britische Politik die Regeln in den letzten Jahren deutlich verschärft hat. Doch nun steht vielleicht eine noch schärfere Regulierung an, die den gesamten britischen Sportwetten-Markt neu sortieren könnte. Auch für die großen Konzerne könnte es in Großbritannien in Zukunft eng werden, wenn sich eine Parlamentarier-Gruppe, die im Kern gegen Glücksspiel ist, durchsetzt. Es gibt einige Vorschläge dieser Parlamentarier-Gruppe, die durchaus bedenkenswert sind. Aber bei den meisten Vorschlägen geht es darum, Sportwetten und Glücksspiele möglichst unattraktiv zu machen.

Es gibt zwei Vorschläge der Parlamentarier-Gruppe, die auf breite Ablehnung stoßen. Der erste Vorschlag betrifft das Einsatzlimit. Die Parlamentarier-Gruppe spricht sich für ein generelles Limit von 2 Pfund pro Spiel und Wette aus. Wenn ein derart niedriges Limit eingeführt würde, hätte das dramatische Folgen für nahezu alle Buchmacher und Casino-Betreiber. Zudem argumentieren viele Glücksspiel-Experten, dass auch die Kunden unfair behandelt würden, denn es gibt viele Glücksspiel-Fans, die durchaus dazu in der Lage sind, einen höheren Einsatz pro Spiel oder Wette zumindest gelegentlich zu platzieren. Warum also ein generelles Limit einführen und nicht stattdessen bessere Methoden nutzen, um sinnvolle individuelle Limits festzulegen? Der zweite Vorschlag betrifft die Streichung von allen VIP-Programmen. Mit der Streichung würde erreicht, dass die Buchmacher und Casinos ihren High Rollern keine Vorteile mehr bieten könnten. Das Ergebnis beider Vorschläge wäre wahrscheinlich, dass gerade die finanzstarken Kunden der Buchmacher und Casinos den britischen Markt komplett verlassen und stattdessen bei ausländischen Anbietern aktiv würden. Das Resultat wäre dann, dass der Spielerschutz in der Praxis speziell für diese Spieler, die angeblich geschützt werden sollen, deutlich schlechter wäre. Es gibt noch viele andere Vorschläge, die in die gleiche Richtung gehen. Falls sich die Parlamentarier-Gruppe durchsetzen sollte, müssten sämtliche Glücksspielanbieter mit britischer Lizenz wahrscheinlich mit deutlich sinkenden Umsätzen rechnen.

Livewetten demnächst nur im Wettbüro und am Telefon?

Ein bizarrer Vorschlag der Parlamentarier-Gruppe betrifft die beliebten Livewetten. Nach Vorstellung der Parlamentarier-Gruppe sollen Livewetten in Großbritannien demnächst ausschließlich in Wettbüros und in Form von Telefon-Wetten durchgeführt werden. Erinnert sich irgendwer noch an die 1990er Jahre, als Telefon-Wetten der letzte Schrei waren? Die Idee, moderne Buchmacher dazu zu zwingen, ausschließlich Livewetten per Telefon anzunehmen, wirkt reichlich absurd. Auch bei dieser Regulierung wäre wahrscheinlich der einzige Effekt, dass die echten Livewetten-Fans bei Anbietern ohne britische Lizenz aktiv würden. Livewetten sind bei Sportwetten-Fans unglaublich beliebt und bei Glücksspielgegnern geradezu verhasst. Die schnellen Livewetten sehen viele Glücksspielgegner als großes Problem. Dabei gibt es viele Möglichkeiten, den Spielerschutz bei Sportwetten insgesamt so zu regulieren, dass gerade die Kunden, die gefährdet sind, keinen Unsinn machen. Anstatt moderne Methoden zu nutzen, um frühzeitig Kunden bei Buchmachern zu erkennen, die eine gefährliche Richtung einschlagen, versucht die Parlamentarier-Gruppe Rasenmäher-Methoden durchzusetzen, die am Ende den Buchmachern und den vielen ungefährdeten Casino- und Buchmacher-Kunden schaden würden. Generell scheint das Verständnis dafür zu fehlen, dass nationale Regulierungen in der heutigen Zeit nur noch sehr schwer durchzusetzen sind.

Was würde passieren, wenn die Parlamentarier-Gruppe sich bei den Livewetten durchsetzt? Würden dann plötzlich alle englischen Sportwetten-Fans die unbequemen Telefon-Wetten nutzen? Oder würden die Wettbüros eine Renaissance erfahren, weil alle Sportwetten-Fans plötzlich in die Wettbüros laufen würden, um ihre Livewetten umzusetzen? Ein Teil der Kundschaft würde wahrscheinlich genauso reagieren. Aber die meisten Sportwetten-Fans würden sich vermutlich bequemere Alternativen suchen. Das Internet hat keine Grenzen und das wird auch Großbritannien nicht prinzipiell ändern können. Es ist eher nicht zu erwarten, dass Großbritannien sich ähnlich abgeschottet vom Rest der Welt wie China. Internetsperren sehen für Politiker, die irgendetwas verbieten wollen, immer sehr attraktiv aus. Aber es gibt viele starke Einwände gegen ein Instrument wie die Internetsperren. Vor allem wäre dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet, wenn Großbritannien Internetsperren nutzen würde, um unerwünschte Casinos und Buchmachern auszusperren. Ganz unabhängig davon: Vor allem die Anbieter aus Asien würden sich wahrscheinlich überhaupt nicht darum kümmern und Mittel und Wege finden, um trotzdem britische Kunden anzunehmen. Ob es das ist, was die Parlamentarier-Gruppe möchte? Ein Abgleich mit der Realität ist bei der Regulierung von Glücksspiel im Internet immer wünschenswert. Aber nicht nur Großbritannien hat mit diesem Abgleich mitunter große Schwierigkeiten.

Glücksspielanbieter reagieren schon jetzt

Durch den Brexit ist die Situation für die britischen Glücksspielanbieter ohnehin schon schwieriger geworden. Wenn jetzt auch noch eine heftige Regulierung von Sportwetten und Casino-Spielen kommen sollte, könnte das dazu führen, dass noch mehr Unternehmen Großbritannien verlassen und sich stattdessen einen Firmensitz in der Europäischen Union suchen. Malta freut sich beispielsweise immer über Firmen, die aus der Glücksspielbranche kommen. Auch Zypern hat ein Herz für Glücksspielanbieter. Mit einem Firmensitz in der Europäischen Union ist es für Glücksspielanbieter deutlich einfacher, Länder wie Deutschland und Österreich mit Sportwetten und Glücksspielen zu bedienen. Für Großbritannien wäre es in jedem Fall ein Verlust, wenn Unternehmen und Konzerne aus der Glücksspielbranche das Weite suchen würden. Nicht zuletzt profitieren die britischen Bürger durch die Steuerzahlungen davon, dass erhebliche Umsätze gemacht werden in der Glücksspielbranche. Dieses Detail scheint die Glücksspielgegner im britischen Parlament nicht weiter zu belasten. Aber wenn die Steuereinnahmen wegfallen und dann anderen Ländern zugutekommen, während zeitgleich in Großbritannien nach wie vor viele Menschen Sportwetten und Glücksspiele online nutzen, nur nicht mehr bei britischen Anbietern, wäre nicht viel gewonnen.

Ein zweiter Trend, der in den letzten Monaten zunehmend Fahrt aufnimmt, ist die Fusionierung von Unternehmen. Je schwieriger die regulatorischen Rahmenbedingungen werden, desto größere Vorteile haben Konzerne, die viele verschiedene Marken unter ihrem Dach vereinen. Ein ganz einfaches Beispiel: Wenn die UK Gambling Commission wieder einmal die Regeln geändert, ist die finanzielle Belastung und der personelle Aufwand für kleine Firmen immens. Wenn ein großer Konzern hingegen neue Regeln umsetzen muss, gibt es meist eine spezielle Abteilung, die sich nur mit dieser Thematik beschäftigt und dann die nötigen Informationen für die einzelnen Marken und Firmen innerhalb des Konzerns zur Verfügung stellt. Deswegen ist die Anpassung an eine neue Regulierung in einem großen Konzern deutlich kostengünstiger. Vielleicht besinnt sich das britische Parlament aber auch noch und alles wird viel harmloser als befürchtet. Doch es gibt eine realistische Möglichkeit, dass die britische Glücksspielbranche nach vielen guten Jahren nun vor einigen dunklen Jahren steht. Wie immer in der Politik, speziell in der britischen Politik, sollte aber niemand die Hoffnung aufgeben, bevor die endgültige Entscheidung gefallen ist. Auch bei der Glücksspiel-Regulierung kann es positive Überraschungen geben.