Pontus Lindwall, der CEO des Glücksspielanbieters Betsson, hat in einem aktuellen Interview die deutsche Glücksspielregulierung massiv kritisiert. Nach Einschätzung des erfolgreichen und bekannten Managers ist Deutschland ein anschauliches Beispiel für eine komplette Überregulierung des Online-Glücksspiels. Die Argumente, die Pontus Lindwall ins Feld führt, wiegen schwer. Eine ganz andere Frage ist, ob der deutsche Gesetzgeber sich, so wie es Lindwall fordert, in Zukunft dazu durchringen wird, Änderungen vorzunehmen. Vor allem die niedrige Kanalisierung, die aktuell in Deutschland zu beobachten ist, wertet Lindwall als starkes Signal für ein Scheitern der Glücksspielregulierung.

Pontus Lindwall rechnet mit deutscher Glücksspielregulierung ab

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Was läuft falsch auf dem deutschen Online-Glücksspielmarkt? Für Pontus Lindwall ist die Antwort erstaunlich einfach: Der deutsche Online-Glücksspielmarkt sei überreguliert. Die neuen Regeln, die mit dem Glücksspielstaatsvertrag 2021 eingeführt wurden, seien so streng, dass die legalen Online-Spielhallen kaum eine Chance hätten, sich durchzusetzen. Pontus Lindwall geht davon aus, dass in Deutschland die Kanalisierung aktuell einen Wert von ungefähr 20 Prozent hat. Das würde bedeuten, dass gerade einmal 20 Prozent des Umsatzes auf dem legalen Online-Glücksspiel gemacht würden. Die restlichen 80 Prozent teilen sich die Glücksspielanbieter auf dem Schwarzmarkt, die ohne Lizenzen und Limits agieren.

Aus Sicht von Pontus Lindwall läuft etwas komplett schief, wenn eine Regulierung nur ein Fünftel des gesamten Marktes dazu bringt, sich an die Regeln zu halten. Als Beispiel nennt Pontus Lindwall im Interview den Straßenverkehr. Wenn sich nur 20 Prozent aller Verkehrsteilnehmer an die Verkehrsregeln hielten, würde dies völlig zurecht zu einem riesigen Aufschrei in der Bevölkerung und zu raschen gesetzlichen Änderungen führen. Beim Online-Glücksspiel ist das jedoch nicht der Fall, auch weil nur eine relativ kleine Bevölkerungsgruppe und nur die Anbieter von Online-Glücksspielen betroffen sind. Viele dieser Unternehmen sind zudem nicht in Deutschland ansässig, sodass es aus Sicht vieler Politikerinnen und Politiker kein Problem ist, die Sache auszusitzen. Doch von allein wird sich das Regulierungsproblem in Deutschland nicht lösen.

Erfahrener Manager sieht dringenden Handlungsbedarf

Ein großes Problem bei der schlechten Kanalisierung, so wie sie in Deutschland aktuell wohl vorhanden ist, ist der mangelnde Spielerschutz. Bei den nicht regulierten Glücksspielanbietern gibt es keinen adäquaten Spielerschutz. Immerhin handelt es sich um Unternehmen, die bereitwillig die Glücksspielregulierung in Deutschland missachten und ohne Lizenz Online-Spielautomaten und andere Glücksspiele anbieten. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, den Schwarzmarkt einzuschränken: Restriktive Maßnahmen gegen die Anbieter auf dem Schwarzmarkt und die Attraktivität der legalen Angebote stärken. In Deutschland werden gegenwärtig beide Möglichkeiten nicht in ausreichendem Maße genutzt. Angeblich findet bereits ein Kampf gegen die Anbieter auf dem Schwarzmarkt statt, hauptsächlich mit Payment Blocking. Eine nachhaltige Wirkung ist allerdings noch nicht zu erkennen, sodass der Frust bei den legalen Glücksspielanbietern zunimmt.

In Deutschland gelang es bislang nicht einmal, die Lizenzen für die Online-Spielhallen in zügigem Tempo auszugeben. Für die ersten Lizenzen hat die Glücksspielbehörde über ein Jahr benötigt. Zudem haben die legalen Online-Spielhallen relativ kleine Spiele-Portfolios, da alle Spiele individuell geprüft werden müssen. Auch diesen Job übernimmt die Glücksspielbehörde. Immerhin wird das Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt, das als temporäre Glücksspielbehörde aktiv war, von der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder abgelöst. Aber es bleibt abzuwarten, ob sich dadurch fundamental etwas ändern wird. Die grundlegenden Probleme der deutschen Glücksspielregulierung ändern sich jedenfalls nicht automatisch dadurch, dass die neue Glücksspielbehörde die gesamte Regulierung übernimmt.

Ohne Änderungen Deutschland für viele Glücksspielanbieter uninteressant

Wenn der CEO eines Top-Glücksspielanbieters in Europa den deutschen Markt mit großer Skepsis betrachtet, ist das ein klares Warnsignal. Es gibt einige Glücksspielanbieter in Europa, die sich vom deutschen Glücksspielmarkt zurückgezogen haben. Zudem ist zu befürchten, dass weitere Glücksspielanbieter Deutschland verlassen werden, wenn nicht die gewünschten Umsätze erzielt werden. Das würde am Ende nur den Schwarzmarkt stärken.

Realistisch gesehen kann der deutsche Glücksspielmarkt im Internet nur funktionieren, wenn die Attraktivität der Angebote verbessert wird. Aber es ist höchst unwahrscheinlich, dass die dafür nötigen Gesetzesänderungen in den nächsten Jahren kommen werden. Immerhin müssen sich alle 16 Bundesländer auf einen Kompromiss verständigen, um eine Änderung des Glücksspielstaatsvertrags umzusetzen. Insofern ist es nachvollziehbar, dass Pontus Lindwall im aktuellen Interview nicht besonders hoffnungsvoll über Deutschland spricht.