An den seit Mitte Juli kursierenden Gerüchten ist offensichtlich etwas dran: Der Streaming-Dienst Netflix veröffentlichte soeben seinen Bericht für das zweite Quartal dieses Jahres und gab darin bekannt, dass er sich in naher Zukunft darum kümmern wird, eine eigene Gaming-Sparte aufzubauen und zu etablieren. Diese Vermutung lag bereits nahe, nachdem der Medienriese im vergangenen Monat Mike Verdu verpflichtete, den ehemaligen Oculus- und EA-Manager. Damit folgt Netflix weiter der Strategie, um jede freie Bildschirm-Minute zu konkurrieren.

Netflix will sein Streaming-Angebot durch Mobile Gaming ergänzen

Netflix Streaming

Schon 2019 ließ Netflix-Boss Reed Hastings keinen Zweifel an seiner ganz persönlichen Unternehmensstrategie durch Statements wie dieses: „Fortnite bedeutet für uns eine größere Konkurrenz als HBO.“ Damit machte er zumindest andeutungsweise deutlich, wohin die Reise gehen soll: Ein besseres Entertainment ohne Werbung, das die Menschen vor den Bildschirm locken und von anderen Aktivitäten ablenken soll. Kurz darauf folgten die ersten Spinoffs wie „Stranger Things“ oder auch „Carmen Sandiego“ und interaktive Serien, von denen „Black Mirror: Bandersnatch“ sicherlich zu den bekanntesten zählt. Nun liegt der Fokus des Unternehmens auf Mobile Gaming. Im aktuellen Quartalsbericht steht geschrieben, dass mit dem ganz normalen Netflix-Abo auch das Gaming-Angebot genutzt werden kann, ohne dass weitere Kosten entstehen. In einem Interview äußerte sich soeben der Verantwortliche für digitale Entwicklung und Webproduktion bei dem TV-Sender Arte France, Gilles Freissinier: „Für mich bestätigt das eigentlich, was wir hier schon seit Jahren machen. Wenn man das digitale Angebot nutzerzentriert betrachtet — wie leben und erleben Nutzer*innen das Digitale —, dann kommt man kaum an Videospielen vorbei. In Frankreich etwa liegt der Altersschnitt der Spieler, bei Frauen und Männern, bei 40 Jahren“. Laut Freissinier ist die Popularität von Videospielen insbesondere durch die rasante Entwicklung „... im Bereich Mobile Gaming auf dem Smartphone“ in der jüngeren Vergangenheit so stark angewachsen. „Jeder hat ein Spiel auf dem Smartphone,“ sagt er.

Diese Entwicklung macht auch vor dem mobilen Online Glücksspiel nicht halt. Die meisten seriösen Online Casinos bieten heutzutage ihre beliebten Online Slots auch für mobile Endgeräte an. Zum Gaming-Universum besteht bereits seit längerem eine Verbindung durch Spinoffs von Serien und Kinofilmen. Einer der größten Netflix-Konkurrenten ist zweifellos Disney mit seinem Streaming-Angebot, in dem Videospiele schon länger eine große Rolle spielen. Der Arte-Manager Freissinier geht davon aus, dass Netflix schon bald damit beginnen wird, auch eigene Spiele zu produzieren. „Wenn man eine starke Welt entwickelt, kann diese sowohl in einer Serie funktionieren, wie auch in einem Videospiel“, ist seine Meinung. Hinzu kommt, dass vermutlich die hohen Produktionskosten einer Serie dadurch rentabler werden. Deutlich wird dies allein schon durch die soeben lancierten Merchandise-Kampagnen von Netflix. Strategien wie diese werden von dem französischen TV-Sender jedoch nicht verfolgt. Freissinier erklärt: „Wir wollen innovative Kreationen anbieten, die der digitalen Nutzung angepasst sind.“ Arte geht es in erster Linie darum: „... in einer Gaming-Szene, die von US-amerikanischen und asiatischen Großkonzernen dominiert werde, kleinere Studios bei der Produktion und Edition ihrer Spiele zu unterstützen und so europäische Produktionen mit prägnanten, innovativen Sichtweisen und Geschichten einem großen Publikum zur Verfügung zu stellen.“ Dass Arte den internationalen Trend nicht verschlafen hat, zeigt sich in einem Katalog, der derzeit aus zehn Spielen besteht, die über die gängigen Plattformen wie Google Play, Playstation oder Apple Store zur Verfügung stehen.   

Die Suche nach überzeugendem Gaming-Content

Aktuell ist noch nicht bekannt, wie Netflix sein Gaming in Zukunft anbieten wird, ob als Download, oder als Online Stream oder in Kooperation mit anderen Plattformen. Vermutlich wird den ehrgeizigen unternehmerischen Zielen langfristig nur eine eigene Plattform gerecht werden können. In sogenannte Game-Abo-Angebote haben mittlerweile auch die Giganten Microsoft, Apple und Google investiert. Ausgeschlossen davon sind allerdings bisher noch die beliebten Online Spielbanken. Möglicherweise wird sich aber auch das in Zukunft ändern, denn Netflix ist zum Handeln gezwungen. Die im Quartalsbericht veröffentlichten Abonnentenzahlen haben den absoluten Tiefststand erreicht. Nur 1,5 Millionen neue Kunden konnten geworben werden, womit die Zahl der weltweiten auf insgesamt 209 Millionen anstieg. Verantwortlich dafür ist der eigene Erfolg von Netflix, denn spätestens seit dem Ausbruch der anhaltenden internationalen Gesundheitskrise hatten insbesondere jüngere Zielgruppen bereits ein Abo abgeschlossen. Derzeit liegt der Fokus des Konzerns daher auf älteren Zielgruppen. Wenn nun in naher Zukunft das Gaming-Angebot ausgeweitet wird, könnte es tatsächlich gelingen, „... auch in den bisherigen Zielgruppen noch Unentschlossene überzeugen.“

Gille Freissinier bestätigt: „Videospiele haben am meisten profitiert während der Lockdown-Zeit. Nicht nur Fortnite oder Animal Crossing — wir konnten mit unserem im Frühling 2020 veröffentlichten Spiel 'Homo Machina' 400.000 Downloads mehr als vorher verzeichnen.“ Ein Beispiel für sehr hohe Abrufzahlen ist „Type:Rider“. Dieses Spiel, das 2013 veröffentlicht wurde, zeigt, dass solche Games bei einem Publikum ankommen, das vorher noch nie in Berührung mit Arte kam. Daher kann man davon ausgehen, dass für den Streaming-Giganten Netflix der Start in die Gaming-Branche durchaus positiv verlaufen könnte. Immerhin ist ja die Kombination von Serien- und Film-Angeboten mit Video-Games schon längst über die Erprobungsphase hinausgewachsen. Es bleibt aber zunächst einmal abzuwarten, inwieweit Netflix mit seinem Game-Content langfristig überzeugen kann und ob sich diese Angebotserweiterung auch wirklich in zusätzlichen Abo-Zahlen bemerkbar macht.