„Wir amüsieren uns zu Tode,“ schrieb Neil Postman in den 1980er Jahren. Oder anders gesagt: Wer die USA verstehen will, der sollte sich Las Vegas ansehen. Damit hatte Postman gar nicht so unrecht, denn als Spiegel Amerikas galt Las Vergas schon immer, und das ist auch heute noch so: Die Stadt des „schönen Scheins“ gleicht einer Art Fata Morgana in einer Trump-Wüste, in der die meisten Menschen alles zu glauben scheinen, was man ihnen erzählt, mit einem Präsidenten, der den Begriff „alternative Wahrheit“ quasi salonfähig gemacht hat. Las Vegas hat es immer wieder geschafft, sich neu zu erfinden. Die kleine Zockerstadt mauserte sich im Laufe der Zeit zu einem Glücksspiel-Paradies, das der amerikanischen Mittelschicht ein wenig Europa vorgaukelte, ohne die USA verlassen zu müssen. Gerade die großen Casinohotels wie das „Venetien“ oder das „Bellagio“ überboten sich gegenseitig mit nachgebautem europäischem Kitsch. In anderen Zeiten verkaufte sich Las Vegas dann als Billigreiseziel für Familien, um kurz darauf als „Party-Oase in der Wüste“ wieder aufzuerstehen. Durch den Slogan „What happens in Vegas stays in Vegas“ avancierte die Stadt zum größten Seitensprungzentrum Amerikas und nachdem man begriff, welche Touristenströme der neue Guggenheim-Bau in Bilbao anzog, setzten die Casino-Bosse auf Stararchitekten wie Libeskind und Foster, die den eher seelenlosen City Center am Las Vegas Boulevard entwarfen. Mit der Wirtschaftskrise 2008 fand der Bau-Boom zunächst ein Ende. Wenige Jahre später wurden die „unvollendeten“ Einfamilienhaus-Siedlungen und die Neubau-Ruinen am „Strip“ nicht einmal mehr erwähnt. Las Vegas schien zu verdrängen. Vielleicht ist Las Vegas ja auch ein Fall für Therapeuten.

Champagner zum Preis einer Monatsmiete

MGM Grand Casino aus der VogelperspektiveFür Fremde sieht es so aus, als würde Las Vegas nur aus einer einzigen Straße bestehen, denn alles was wichtig und in ist, scheint sich am Las Vegas Boulevard, dem sogenannten Strip, abzuspielen. Diese „Hauptschlagader“ ist permanent verstopft und alles, was sich rechts und links des Boulevards befindet, wirkt, als würde es sich gnadenlos an die Besucher der Stadt heran werfen: hemmungslos, laut, bunt und manchmal sogar aggressiv. Sobald es dunkel ist mutiert der Strip zu einer gewaltigen Laser- und LED-Show. Las Vegas blinkt und leuchtet und prahlt. Bunte Blitze werden in den Himmel katapultiert, und die Fassaden der Hochhäuser dienen als Leinwand für Commercials. Hier scheint die Welt der Online Casinos noch keinen Einzug gehalten zu haben. Früher strahlten Siegfried und Roy mit ihren weißen Tigern, oder auch Celine Dion von diesen Hochhausfassaden und von riesigen Plakaten, und Werbeclips für Schokodrops wiederholten sich im Minutentakt. In den letzten Jahren wurden vorwiegend Ausstellungen, Edel-Restaurants und Bars beworben, bei denen der Preis für eine Flasche Champagner der durchschnittlichen Monatsmiete für eine Drei-Zimmer-Wohnung gleichkommt. Ach ja! Und dann wäre da noch Hans Klok, ein niederländischer Zauberkünstler. Die Vorliebe für Europäer ist ungebrochen in dieser Stadt, und Illusionisten gehen ohnehin immer.

Verbot für Spielzeug-Schwerter, nicht für „echte“ Waffen

Am 1. Oktober war es genau zwei Jahre her: das grauenvollste Attentat eines Einzeltäters in der Geschichte Nordamerikas (casinobuns360.de berichtete). An diesem Tag verschanzte sich Stephen Paddock in seinem Zimmer des Mandala Bay Hotels und schoss aus dem Fenster heraus wahllos auf die Besucher eines Open Air Konzerts. In dem Kugelhagel starben 58 Menschen und mehr als 800 wurden zum Teil sehr schwer verletzt. Das ganze Land stand unter Schock. Daraufhin erhöhten annähernd sämtliche Hotels der Stadt ihre Sicherheitsvorkehrungen. Für Besucher sind diese neuen Maßnahmen nicht sichtbar. Weder wurden die Einlasskontrollen in den großen Casinos drastisch verschärft, noch sieht man mehr uniformierte Ordnungshüter auf den Straßen, wenn man den Strip entlang schlendert. Was sich allerdings unter diesem Hintergrund verändert hat, erscheint gerade Europäern ziemlich grotesk und schwer nachvollziehbar. Inzwischen ist das Tragen von Star-Wars-Plastik-Schwertern verboten. Auch Wasserpistolen wurden aus dem Verkehr gezogen, die insbesondere bei Junggesellenabschieden sehr populär waren. Für richtige Waffen gilt das Verbot hingegen nicht. Die dürfen nach wie vor offen getragen werden, sogar am Gürtel.

Der chinesische Tourismus boomt

Den chinesischen Touristen scheint das alles schnuppe zu sein. Im Gegenteil! Sie freuen sich über ein Selfie mit dem Mann, der ganz ungeniert eine 45er spazieren trägt. Auch in Las Vegas ist längst der Tourismus aus dem Reich der Mitte angekommen. Clevere Investoren haben sich mittlerweile voll und ganz auf die chinesische Kundschaft eingestellt. Da gibt es beispielsweise das „Lucky Dragon“ – ein Casino, das an seinen Tischen Sic Bo und Pai Gow anbietet. Für Baukosten von ungefähr sieben Milliarden US-Dollar entsteht zurzeit das gigantische „Resorts World Las Vegas“, das ausschließlich für fernöstliche Touristen entwickelt wurde. Gebaut wird auf dem Grundstück des „Echolon“, das nie vollendet wurde, da es der Finanzkrise zum Opfer fiel. Viele andere Casinos buhlen ebenfalls um die neue Klientel aus dem fernen Osten. Zum chinesischen Neujahrsfest bestücken gleich mehrere Casinohotels ihre Lobbys mit riesigen Drachen aus Pappmaché und lassen ihre Eingänge von überdimensionalen Löwenstatuen bewachen. Natürlich darf auch die chinesische Glücksfarbe Rot nirgendwo fehlen.  Wie wichtig Las Vegas der Tourist aus dem Reich der Mitte ist, wird auch noch an einem anderen Beispiel deutlich. In der chinesischen Sprache klingt das Wort für die Zahl Vier dem Begriff für Tod sehr ähnlich. Aus diesem Grund lassen moderne Bauherrn bei ihren Neubauten die vierte Etage einfach aus.  Die einzigen, die sich über die chinesischen Touristenströme weniger freuen, sind die Kellner in Las Vegas, denn in der Regel ignorieren chinesische Besucher die allgemein gültige 20%-Trinkgeld-Regelung und runden ihre Rechnung bestenfalls um ein bis zwei Dollar auf.   Als Reiseziel kaum zu toppen Die Faszination, die Las Vegas weltweit ausübt, scheint ungebrochen. Allein 2018 besuchten 42 Millionen Touristen die Wüstenstadt in Nevada. Damit war „Sin City“ mal wieder eins der beliebtesten Reiseziele der Welt. Im Vergleich dazu kam im vergangenen Jahr Paris auf ungefähr 34 Millionen Besucher, Venedig auf rund 30 Millionen und Berlin lediglich auf 13,5 Millionen. Las Vegas und seine Mischung aus Design, Mega-Shopping und Glücksspiel ist schon lange ein Vorbild. Beispielsweise diente die Stadt als eine Art Blaupause für Marina Bay, einem Stadtteil Singapurs. Viele Investoren, die die Wüstenstadt über lange Jahre geprägt hatten, sind mittlerweile nach Macau abgewandert, um dort eine Kopie des amerikanischen Glücksspielparadieses zu etablieren. Nicht umsonst wurde die ehemalige Kolonie Portugals im südchinesischen Meer über einen längeren Zeitraum „Asia’s Las Vegas“ bezeichnet. Zumindest solange, bis Casino-König Sheldon Adelson vorschlug, doch lieber Las Vegas umzubenennen – und zwar in „America’s Macao“.