Nicht jeder begrüßt den neuen Glücksspielstaatsvertrag, der am 1. Juli dieses Jahres in Kraft treten soll. Das gilt auch für die Hessische Landesstelle für Suchtfragen e.V. (HLS), die das geplante Glücksspielgesetz geändert sehen möchte. Ins Visier nimmt die HLS dabei insbesondere das Vorhaben, in Zukunft auch in Gaststätten, Spielhallen und Sportwettbüros Lotto-Annahmestellen zu erlauben. Die Landesstelle befürchtet, dass dadurch noch mehr Personen mit Glücksspielen wie beispielsweise an Spielautomaten in Berührung kommen.

Hessische Landesstelle für Suchtfragen kritisiert neues Glücksspielgesetz

Lotto Spielhalle

„Es ist damit zu rechnen, dass das Suchtrisiko durch die Ausweitung des Angebots steigen wird", sagt Susanne Schmitt, die Geschäftsführerin der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen in einem Interview und äußert die Befürchtung, dass „... so mehr Menschen in Kontakt mit Spielautomaten und anderen Glücksspielen kommen, bei denen das Risiko einer Sucht höher ist als beim Lotto 6 aus 49.“ Darüber hinaus macht sie auch auf einen Widerspruch aufmerksam: Es gäbe gute Gründe, weshalb Alkohol in den „Wettvermittlungsstellen“ verboten sei, da er die Hemmungen nimmt und dadurch die Selbstkontrolle beim Zocken vermindert wird. Künftig soll es allerdings möglich sein, dass Lotto 6 aus 49 auch in Gaststätten, in denen selbstverständlich auch Alkohol ausgeschenkt wird, offeriert werden kann. Zudem sind im Angebot von Lotto auch Zahlen-Lotterien, Rubbellose und Sportwetten, die eine deutlich höhere Suchtgefahr beinhalten, als das gewöhnliche Samstags- oder Mittwochs-Lotto. Susanne Schmitt betont: „Glücksspiel ist riskant und darf nicht verharmlost werden. Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass es zum Lebensalltag dazu gehört". Ab 1. Juli 2021 gilt bundesweit ein neuer Glücksspielstaatsvertrag. Er soll laut Peter Beuth (CDU), Hessens Minister des Inneren und Sport, der Stärkung des Jugend- und Spielerschutzes dienen.

Direkt nach der Verabschiedung der Gesetzesvorlage durch den hessischen Landtag im Februar dieses Jahres verwies der Minister auf ein spielform- und anbieter-übergreifendes Sperrsystem für gefährdete Spieler. Auch Online Casinos und andere Formen des Online Glücksspiels sind ab kommenden Juli in der ganzen BRD erlaubt, mit dem Ziel, den Schwarzmarkt in den Griff zu bekommen, bzw. einzudämmen. Nach Ansicht der Experten der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen führt diese Legalisierung von Online Slots, Online Poker und Co allerdings zu einer deutlich höheren Gefahr, in die Spielsucht abzurutschen. „Online-Glücksspiel ist rund um die Uhr und mit dem Smartphone überall möglich", mahnt Susanne Schmitt. Parallel bemängelt sie die fehlende soziale Kontrolle, die entfällt, wenn der Besuch einer stationären Spielhalle gar nicht mehr notwendig ist, um zocken zu können. Zudem fordert die HLS ein grundsätzliches Werbeverbot für Online Glücksspiel vor 23.00 Uhr. Ein solches Verbot ist zwar vorgesehen, allerdings gilt es nur für den Zeitraum von 21.00 Uhr abends bis 6.00 Uhr morgens.

Einen weiteren Kritikpunkt stellt die gemeinsame länderübergreifende Glücksspiel-Aufsichtsbehörde dar, die sich derzeit noch im Aufbau befindet, obwohl sie Kontrollaufgaben übernehmen soll. Die Hessische Landesstelle für Suchtfragen zweifelt stark an, dass diese Behörde bei Inkrafttreten des neuen Glücksspielstaatsvertrages bereits „voll arbeitsfähig“ ist, gibt die HLS-Geschäftsführerin zu bedenken. Susanne Schmitt hält aber auch nicht mit einem Vorschlag hinterm Berg, der vorsieht „... mit den erwarteten Mehreinnahmen die Mittel für Prävention und Beratung in Sachen Glücksspielsucht zu erhöhen.“ Hierfür zahlt das Land Hessen jährlich eine Million Euro. Aktuell geht die Hessische Landesstelle für Glücksspielsucht davon aus, dass ungefähr 31.000 Bürger des Bundeslandes derzeit an Spielsucht leiden. Laut Schmitt sind das aber nicht alle, die davon betroffen sind. Hinzu kämen auch noch die Familienangehörigen der Suchtkranken, zumindest indirekt. Der Vorschlag der HLS geht dementsprechend so weit, dass sich auch diese indirekt Betroffenen kostenlos und anonym an eine Beratungsstelle wenden können, von denen es insgesamt 15 in Hessen gibt.

Landesstelle für Suchtfragen existiert seit gut 70 Jahren in Hessen

Die Hessische Landesstelle für Suchtfragen e.V. (HLS) ist seit 1961 ein gemeinnütziger Verein, der vor mehr als 70 Jahren als eine Art Arbeitsgemeinschaft gegründet wurde und der seine finanziellen Mittel vorwiegend vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration erhält. Bei der HLS handelt es sich um den „Zusammenschluss der fünf Verbände der Liga der freien Wohlfahrtspflege in Hessen und ihrer Mitgliedsorganisationen, die auf dem Gebiet der Suchtprävention, - beratung, -therapie und Rehabilitation tätig sind.“ Dazu gehören neben der Arbeiterwohlfahrt (AWO) auch das Deutsche Rote Kreuz (DRK, Der Paritätische, die Diakonie Hessen und der Caritasverband (CV).“ Mittlerweile ist die HLS es ein Dachverband.

Die Mitgliedseinrichtungen befassen sich mit unterschiedlichen Ansätzen bei ihrem „Umgang mit dem Phänomen Sucht“. Beinahe sämtliche Einrichtungen der Suchthilfe und Suchtprävention in Hessen sind in diesem Verband organisiert. Dies sind nicht nur professionelle Einrichtungen und Organisationen sondern auch an die 600 Selbsthilfegruppen, wie beispielsweise das Blaue Kreuz, die Guttempler, der Kreuzbund, Freundeskreise und viele mehr. Die Hessische Landesstelle für Suchtfragen e.V. wird in ihrer fachlichen Arbeit zudem durch freiwillige Zuwendungen von unterschiedlichen Krankenkassen unterstützt sowie durch Bußgelder und Spenden.