Die amerikanische Poker Community erwartet gespannt den Auftakt eines Prozesses. Verhandelt werden soll ein Betrugsskandal, der in dieser Form einmalig ist. In der vergangenen Woche tauchten neue Erkenntnisse in dem Fall auf. Daraufhin deutete der Anwalt von Mike Postle erstmals seine Verteidigungsstrategie an, mit der er eine US-Jury von der Unschuld seines Mandanten überzeugen will. Ob diese Strategie tatsächlich Erfolg haben wird, ist ungewiss. Wie er seine Verteidigung vor Gericht aufbauen will, ließ er bereits in einem Interview durchblicken: 

„Ich schätze, er gewinnt viele Hände beim Poker. Ich selbst spiele nicht, weil ich hauptsächlich verliere. Wir wissen aber nicht, wie die Fakten aussehen. Ich kann nur sagen: Wenn ich Poker spiele, verliere ich fast jede Hand, von daher weiß ich, dass solche Glücks- und Pechsträhnen möglich sind."

Eine derartige Strategie in der Beweisführung erscheint auf den ersten Blick mehr als lächerlich – besonders dann, wenn man an „die unzähligen Stunden an forensischer Arbeit“ denkt, die von Seiten der Poker Community bereits in die Beweisführung eingebracht wurden. Andererseits besteht auch die Möglichkeit, dass diese Strategie sich als ausgesprochen effektiv erweisen könnte, wenn es darum geht, bei einer US-amerikanischen Jury erhebliche Zweifel an Mike Postles Schuld aufkommen zu lassen.  

Um die Beweise zu verstehen, muss man Poker begreifen

Poker GewinnDie US-amerikanische Poker Community hörte die Alarmglocken läuten, nachdem Mike Postle mit einer Gewinnrate aufwartete, die es so und in dieser Form noch nie gegeben hatte. Es handelte sich um eine Winrate, die doppelt so hoch war, wie die von „Potripper“, dem berühmt berüchtigten „Superuser-Account bei UltimateBet“. Dieser Account zeichnete sich dadurch aus, dass er über einen direkten Zugriff auf die Holecards der jeweiligen Gegner verfügte. Aber es gibt auch noch einen weiteren Grund, der – von wenigen Ausnahmen abgesehen – jeden in der Poker Community davon überzeugt, dass Mike Postle ein Betrüger ist. Hierbei geht es um sein mehr oder weniger perfektes Spiel in den verschiedensten Spots – und ganz besonders am River. Es gelang ihm fast immer, das „korrekte Play gegenüber der exakten Hand zu bringen, die sein Gegner gerade hielt“, anstatt wie im Normalfall „gegen eine mögliche Range an Händen“. Um dies zu verstehen, muss man Poker begreifen. Aber wer dazu in der Lage ist, dem ist dieser Fall vollkommen klar. Und darüber hinaus wird jedem Pokerprofi einleuchten, dass die Gewinnrate von Mike Postle mehr als ungewöhnlich ist. 

Die breite Öffentlichkeit hat in der Regel nur mit sogenannten alltäglichen Formen des Glücksspiels zu tun, wie beispielsweise dem Lotto. Hier besteht eine Gewinnwahrscheinlichkeit von eins zu zig Millionen. Und eine US-amerikanische Gerichtsjury besteht nun mal aus repräsentativen Vertretern der breiten Öffentlichkeit. Eine Aussage, die sich darauf beruft, dass es „zu Glückssträhnen kommen kann“, könnte demnach von den Juroren ohne weiteres nachempfunden werden. Und in Bezug auf das Pokerspiel an sich ist die langläufige Meinung ohnehin, dass „Erfolg beim modernen Spiel hauptsächlich von der Fähigkeit abhängt, wie gut man den Gegner lesen kann“. 

Kein Wunder! Schließlich wird diese Auffassung durch Mainstream-Filme, wie z.B. „Rounders“, geschürt. Der „normale“ Bürger glaubt, dass es den ganz großen Poker-Helden möglich ist, allein durch das Zucken von Augenbrauen zu erkennen, welches Blatt sein oder ihr jeweiliger Gegner auf der Hand hat. Der positive Eindruck, den Mike Postle in sämtlichen Partien erweckt, die live gestreamt werden können, hat durchaus Potenzial, sich auch auf den Gerichtssaal zu übertragen. Zumindest dann, wenn sein Anwalt die Verteidigung darauf aufbaut, ihn als „Meister der Psychologie“ darzustellen, der einfach über eine Glückssträhne verfügt hat.

Was fehlt, ist ein eindeutiger Beweis

Dieser Ansatz stellt für „Leute vom Fach“ selbstverständlich keine aussagefähige Verteidigung dar. Zahlreiche versierte Pokerspieler haben sich den vorliegenden Fall ausführlich angesehen und gehen allesamt davon aus, dass hier etwas nicht stimmt. Die Indizien sind viel zu zahlreich und zu erdrückend, auch wenn es keine ganz klaren Beweise für einen Betrug gibt. „Allein die perfekten Plays und die statistische Unwahrscheinlichkeit sollten bereits genügen, bevor noch das auffällige Starren unter den Tisch, das ständige Berühren des eigenen Caps in entscheidenden Spots und die Schwachstellen hinzukommen, die das RFID-System bieten kann,“ sagt ein Fachmann.

Wer lange genug in der Pokerszene aktiv ist, oder sich wenigstens damit auskennt, dem wird vollkommen klar sein, worauf er bei diesem Fall achten muss. Für einen professionellen Pokerspieler sind die vorliegenden Indizien ausreichend. Ob sie allerdings auch ausreichen um eine Jury, die bestenfalls nur über ein Laienwissen verfügt, zu überzeugen, ist mehr als fraglich. Jeder, der sich nicht auskennt, wird mit diesem Fall vermutlich zunächst einmal restlos überfordert sein. Es wäre beispielsweise damit zu vergleichen, einen ahnungslosen Pokerspieler in eine Jury zu berufen, die über eine medizinische Fahrlässigkeit zu entscheiden hat. Im Betrugsskandal um Mike Postle wäre es erforderlich, entweder einen eindeutigen Beweis vorzulegen, der ihn der Straftat überführt, oder eine fachkundige Jury auszuwählen, die das Spiel und all die damit verbundenen, möglichen Wahrscheinlichkeiten versteht. Wir von casinobonus360.de sind jedenfalls sehr gespannt und werden Sie über den weiteren Verlauf dieses sehr besonderen Prozesses informieren.