„Die zur Wahrheit wandern, wandern allein,“ wird Christian Morgenstern gern zitiert. So, oder so ähnlich müssen sich auch die Heilbronner Richter nach dem ersten Prozesstag gefühlt haben. Verhandelt wurde der Überfall auf ein Casino in Hall. Anwesend waren zwei Richter, ein Staatsanwalt, zwei Schöffen, zwei uniformierte Justizangestellte, eine Schreibkraft und zwei Sachverständige, die das Gesetz vertraten. Darüber hinaus saß der Angeklagte im Gerichtssaal, seine Verteidigerin und ungefähr zehn Zuhörer

Triumphierender Auftritt des Angeklagten

Tirol Casino Eine 47-jährige Casino-Angestellte schien schwerhörig zu sein. Vielleicht hatte sie auch nur einen Wasch-Tick. „Ob mein Pulli frisch ist?“ sprach sie die Worte des Richters mehrfach nach und konnte die Verwunderung über diese Frage nicht verbergen. „Die sind immer frisch,“ betonte sie und alle Anwesenden hörten ihr aufmerksam zu, denn ein „gewaschen“ oder „nicht gewaschen“ könnte Einfluss auf das Urteil haben. In diesem Prozess geht es um Indizien, da der Angeklagte beteuert, nicht schuldig zu sein. 

Ihm wird zur Last gelegt, gegen Mitternacht des 15. Dezember 2017 in das VIP-Casino am Holzmarkt in Hall gegangen zu sein. Mit einem Schreckschussrevolver soll er die 47-jährige Angestellte bedroht und auch an ihren Haaren gezogen haben, bis die Frau ihm insgesamt 5.600,- Euro aus der Tageskasse und dem Tresor übergab. Von Überwachungskameras wurde die Tat aufgezeichnet, und die Versicherung kam bis auf 500,- Euro für den Schaden auf.

Der 27-jährige Angeklagte ist deutscher Staatsbürger. Er wurde in Handschellen in den Gerichtssaal geführt und wirkte beinahe triumphierend, als er seinen Verwandten auf den Besucherbänken zuzwinkerte. Zu Verhandlungsbeginn wurde der Lebenslauf des Angeklagten verlesen, der 1992 in Hall geboren wurde. Zunächst absolvierte er eine Konstruktionsmechaniker-Ausbildung und verdiente als Schichtleiter bis zu 2.800,- Euro netto im Monat. Bei einer Schlägerei in einer Diskothek wurde ihm der Kiefer gebrochen. Aufgrund der langen Krankheitsphase endete das Arbeitsverhältnis des Hobby-Kickboxers.  

Anwältin mit sicherer Verteidigungsstrategie

Anke Stiefel-Bechdolf ist seine Verteidigerin. Sie gilt als lautstark und wortgewandt und ist dem Gericht wohl bekannt. Am ersten Prozesstag wies sie ihren Mandanten vehement in die Schranken: „Jetzt halt doch mal den Mund!“ Frau Stiefel-Bechdolf schien sich über ihre Verteidigungsstrategie ganz sicher zu sein und verkündete: „Ich erkläre, dass er die Taten vollumfänglich bestreitet.“

Da passte das permanente „Dazwischengequatsche“ ihres Klienten nicht ins Konzept. Doch Thomas Berkner, der Vorsitzende Richter, forderte den Mann auf zu sprechen. Zwei Casino-Mitarbeiter, die als Zeugen geladen wurden, sollten ihn reden hören, um möglicherweise seine Stimme wiederzuerkennen. Doch zweifelsfrei konnten beide nicht antworten. Der Angeklagte „muss“ nicht schuldig sein, er käme aber als Täter in Frage, sagten sie. „Ich habe kein Gesicht erkannt. Er war ja maskiert“, schilderte die 47-jährige Angestellte, die die Waffe vor Augen hatte. Da sie russische Wurzeln hat, erkannte sie sofort Fehler in der Aussprache, denn der Täter gab zwei Schimpfwörter auf Russisch von sich. Mit diesem „Pseudo-Russisch“ hätte er nur seine wahre Herkunft verbergen wollen, mutmaßte die Casino-Mitarbeiterin und glaubte eher an eine Türkische Abstammung. Schließlich hätte der Mann einen starken Akzent gehabt. „Und O-Beine,“ fügte sie kichernd hinzu und gab zu Protokoll, dass viele Casino-Besucher O-Beine haben. Interessant!

Als ihr ein Foto vorgelegt wurde, erkannte sie den Mann darauf und gab doch tatsächlich an, dass auch er O-Beine hat: „Der war mal im Casino, kam aber schon länger nicht mehr.“

Zweiter Tatverdächtiger im Spiel

Die Fotografie zeigte einen Vetter zweiten Grades des Angeklagten. Dieser Vetter wird beschuldigt, einen Raubüberfall auf das Hessentaler Casino begangen zu haben. Er konnte im Dezember 2016 gefasst werden, aber es gelang ihm auf spektakuläre Weise vom Hof der Polizei zu fliehen. Auf der Flucht stahl er auch einen PKW in Hall. Inzwischen soll er sich angeblich in der Türkei aufhalten. 

Verteidigerin Stiefel-Bechdolf geht davon aus, dass dieser Cousin auch den Überfall auf das Haller Casino verübt haben könnte. Als zusätzliches Indiz warf sie seine ganz besondere Masche in die Waagschale. Er hätte stets versucht seine türkische Herkunft zu vertuschen, indem er Russisch plapperte.

Auch einige Zeugen aus dem Dunstkreis des Angeklagten wurden geladen, allerdings brachte keine dieser Aussagen auch nur den Hauch einer Klarheit. Dann sollte es eine promovierte Biologin des Landeskriminalamts richten. Sie untersuchte Spuren an dem schwarzen Pullover der Angestellten, den sie während des Überfalls trug. Immerhin hatte der Täter die Frau angefasst, wenn auch nur mit Handschuhen. Gefunden wurde in einigen Hautpartikeln DNA-Spuren, die von der Angestellten stammen und darüber hinaus „nur Hinweise“ auf den Beklagten. „Von 16 Merkmalsystemen fehlt aber eines“, erläuterte die Biologin und wies darauf hin, dass damit nichts bewiesen sei, aber man auch nichts ausschließen könne. „Der Angeklagte könnte zwei Spuren verursacht haben. Aber das kann nicht belegt werden. Es ist ein Graubereich.“

Sowohl die Richter, als auch Staatsanwalt und Schöffen schienen sprachlos, nach soviel Unklarheiten. Nur die Verteidigerin redete in einer Tour: „Wenn theoretisch der Cousin die Handschuhe meines Mandanten trägt, wäre die DNA von ihm drauf.“ Darüber hinaus bemerkte sie: „Ich finde es fraglich, dass die Frau jeden Tag ihren Pullover wäscht.“ Außerdem gab sie zu bedenken, dass es ja im Bereich des Möglichen liegen würde, dass die Angestellte den Pulli beispielsweise einmal ausgezogen und über einen Stuhl gehängt haben könnte. Wenn nun aber kurz zuvor ihr Mandant auf diesem Stuhl saß, dann könnten seine DNA-Spuren auch auf diese Weise an den Pullover gelangt sein. Immerhin war der Tatverdächtige ja gelegentlich zu Gast in dem Casino und spielte dort an einem der vielen Spielautomaten.

Aktuell gehen die Behörden von fünf weiteren Prozesstagen aus. Wir bleiben dran!