Der Lack ist ab. Las Vegas ist nicht mehr das, was es einmal war. Vorbei ist die Zeit der mondänen und exklusiven Spielcasinos mit ihren eleganten und prominenten Gästen. Größtenteils jedenfalls. Und das wissen auch die zahlreichen Glücksspielunternehmer, Bürger und Politiker in der Wüstenstadt. Ein neues Konzept muss her, um den zweifelhaften Ruf einer „Sin City“ endlich loszuwerden und an einem positiven Image zu feilen. Der Blick ist nach vorn gerichtet und soll sich zukünftig mehr auf Wellness, internationale Sterneküche, Galerien, Museen und Shows konzentrieren. „Entertainment-City, statt Sin-City“ heißt der neue Slogan, aber bis es soweit ist, wird wohl noch einige Zeit ins Land ziehen. Es ist schließlich nicht damit getan, nur den Look und das Portfolio zu ändern. Zunächst einmal müsste Las Vegas die Mehrzahl der Besucher austauschen.

Weniger Stars – mehr Junggesellenabschiede

Nevada Las Vegas CasinoDie einst berühmten Unterwelt-Helden und Gangster-Bosse würden sich vermutlich im Grabe umdrehen. Früher war Las Vegas ihr Quartier. Sie machten es groß und schillernd, und perfektes Styling war damals ein absolutes Muss. Kein Pistolen-Duell ohne Hut, kein Casinobesuch ohne den obligatorischen Dreiteiler für die Herren und die Damen erschienen in lang mit einem Mehr-Karäter um den Hals oder an den Fingern. Wenn man heute den Las Vegas Boulevard entlang schlendert, bekommt man etwas ganz anderes geboten. Da wackeln bunt geschminkte Teenager auf Wolkenkratzer-hohen High-Heels den Bürgersteig entlang, deren glitzernde Unterwäsche unter dem wenigen Stoff herausragt, den sie darüber tragen. Die männlichen Pendants dazu sind vorwiegend mit Trainingsanzügen und Turnschuhen bekleidet und halten meist etwas Alkoholisches in der Hand. Und dann gibt es da noch die unzähligen Junggesellenabschiede: Illuminierte Menschengruppen, die grölend über den Strip und durch die Bars ziehen. 

Auch in den Casinos ist Eleganz eher eine Ausnahme. Während des Tages sitzen dort rauchende Rentner an einarmigen Banditen. Am Abend gesellen sich dann Damen und Herren dazu, deren Look wohlwollend mit very casual zu beschreiben ist. Die jüngeren Besucher und die Teilnehmer der Junggesellenabschiede werden nach Einbruch der Dunkelheit in der Regel von einer der vielen Diskotheken verschluckt.

Berühmte Hobby-Gamer haben sich übrigens in den letzten Jahren eher rar gemacht in der Wüstenstadt. Früher war es beinahe an der Tagesordnung, dass man plötzlich George Clooney, Ben Affleck, Charlie Sheen oder Tiger Woods als Nachbarn am Spieltisch hatte, heutzutage versuchen dort Touristen und die US-amerikanische Mittelschicht ihr Glück. 

Von Fastfood zu Kulinarik

Es gibt bereits eine Reihe von Angeboten, die eine ganz andere Klientel im Auge hat. Das Aria Resort macht sich beispielsweise für Kunst im öffentlichen Raum stark. Dort zieren ein Claes Oldenburg, ein Henry Moore und einige andere Gemälde, Skulpturen und Video-Installationen hochkarätiger zeitgenössischer Künstler die Eingangshalle nebst In- und Outdoor-Treffpunkten. Auf kulinarisch hohem Niveau ist die Lip Smacking Foodie Tours, im Rahmen derer exklusive Restaurants besucht werden. Das Cosmopolitan bietet einen riesigen begehbaren Swarovski-Kristallleuchter an sowie einen Boulevard Pool. Von dort aus hat man einen atemberaubenden Blick über die Skyline von Las Vegas und kann parallel auch noch auf einer großen Leinwand Kinohits genießen. Exklusive Pool-Drinks und kleinere Snacks gibt es dazu. Apropos Pool: auch mit dem 4,5 Hektar großen Strand- und Pool-Areal des Mandala Bay Resort and Casino, das spektakuläre Wellen bietet, die über zwei Meter hoch sind, erhofft sich die Stadt, ihr Image aufzupolieren. Dazu gehört selbstverständlich auch die Garantie für einzigartige Shows mit den besten und teuersten Live-Acts der Welt. Angefangen bei Dauergast David Copperfield und seinem legendären magischen Entertainment sowie den Shows des Cirque de Soleil, über Elton John, Lionel Richie und Celine Dion bis hin zu Cher und den Backstreet Boys. 

Frank Sinatra, Elvis Presley und Co

Las Vegas wurde über viele Jahre von einem Zweig der Italienischen US-Mafia beherrscht, der The Mob genannt wurde. Durch die acht Jahre lang andauernde Prohibitionszeit, die erst 1933 aufgehoben wurde, war The Mob reich und vor allen Dingen mächtig geworden. Geholfen haben dabei in erster Linie deren Einkünfte aus Schwarzbrennereien, die Las Vegas zu Ruhm und „Unehre“ verholfen haben. The Mob hatte die Stadt fest im Griff, und im Jahre 1957 gab es schon acht Casinos auf dem Las Vegas Boulevard. Doch nicht nur die Möglichkeit des Spielens zog Besucher an, sondern auch das Showprogramm, in das jede Menge Geld investiert wurde. Die berühmtesten Entertainer der damaligen Zeit wurden verpflichtet, wie Elvis Presley und „The Rat Pack“ – ein legendäres Trio, das aus Dean Martin, Frank Sinatra und Sammy Davis jr. bestand. The Rat Pack war es übrigens zu verdanken, dass damals die Rassendiskriminierung in US-amerikanischen Casinos aufhörte. Die drei Entertainer traten partout in keinem Haus auf, das Schwarzen den Zutritt verweigerte. Wie wichtig gerade Frank Sinatra für Las Vegas war, zeigte sich auch an seinem Todestag 1988. In Trauer um ihren „wichtigsten Entertainer“ schalteten sämtliche Casinos am Strip ihre Leuchtreklamen aus. Sinatra hatte wie kaum ein anderer Star zum Ruhm der Wüstenstadt beigetragen. Und das nicht nur mit seinen Auftritten, sondern auch mit seinen Affären, seinen Spiel- und Alkoholexzessen und mit seiner Nähe zur Mafia.

Die Könige von Las Vegas

Lucky Luciano, Al Capone und Meyer Lansky sind schon lange tot, und mit ihnen starb die Zeit, in denen man sein Revier noch mit Waffen und roher Gewalt verteidigte. Heute hat man andere Methoden, um mit der Konkurrenz fertig zu werden. Man übernimmt sie ganz einfach. Howard Hughes hat es vorgemacht. Durch das Zahlen gigantischer Summen gingen insgesamt fünf Hotelcasinos der Mafia in seinen Besitz über. Unterstützt wurde er dabei vom US-Justizministerium. Das erhöhte den Druck auf das organisierte Verbrechen, verweigerte Mafia-Größen Casino-Lizenzen und zwang Gangster damit zum Verkauf. Als in den 1970er Jahren Las Vegas zu einem Familien- und Freizeitpark ausgebaut wurde und erste Themenhotels wie das Caesars Palace, das Venetian, das Excalibur oder das Circus Circus entstanden, setzte auch Kirk Kerkorian auf Größe. Er baute das MGM Grand, und es gelang ihm sogar dem Spielcasino-Mogul Steve Wynn das Mirage abzuluchsen. Daraufhin „rächte“ Wynn sich durch zwei Riesen-Hotels am Ende des Las Vegas Boulevards. Aber Kerkorian triumphierte abermals, in dem er die Mandalay-Gruppe kaufte. Kurz darauf tauchte wie aus dem Nichts ein Harvard-Professor auf, der im Auftrag der Harrah’s-Gruppe die Caesar’s Group für 5,3 Milliarden Dollar übernahm. Damit war dann auch Kerkorians Ruf als König von Las Vegas ganz plötzlich futsch.  

Vom Wüsten-Ballermann zu First Class Angeboten

Nun soll Las Vegas wieder zu neuem Leben erwachen. Das alte Vergnügungsviertel in der Downtown hat neue Läden und Lokale bekommen. Zu einem Kunst- und Kreativviertel wurde der Straßenblock 18b erklärt. Hier soll jeder einen Platz finden, der „Neues denkt und Neues macht“. Vintage Shops und Galerien schießen wie Pilze aus dem Boden und ständig findet irgendwo irgendeine Vernissage statt. Eigene Designer-Labels werden gefördert und bieten beispielsweise „retro with a twist“. Auch für originelle Ausstellungsstätten gibt es ausreichend Platz, wie u.a. für das Neon-Museum. Dort findet man eine Sammlung berühmter Casino-Reklamen – vom „Flamingo“ bis zum „Stardust“. Auch ein Theater wurde erbaut, für das das Wiener Konzerthaus Pate stand. Gehobene Unterhaltung ist hier das Motto. Von Oper über Ballett bis zum Musical soll alles geboten werden. Daran ist zu erkennen, dass selbst Las Vegas unter der zunehmenden Attraktivität von Online Casinos zu leiden hat. Daher setzt die Stadt nicht mehr nur auf Gaming sondern will das Entertainment-Angebot in Zukunft vielseitiger gestalten und sich vom Wüsten-Ballermann zu einer ersten Adresse für First-Class-Shopping, First-Class-Küche und First-Class-Partys entwickeln.