Das Hagener Landgericht verhandelt aktuell einen der spektakulärsten Fälle im Bereich des illegalen Glücksspiels seit Jahrzehnten. Die Täter müssen sich wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 48,4 Millionen Euro verantworten. Nur durch Zufall hatte die Polizei die illegale Glücksspielmafia entdeckt. Bei einer großen Razzia wurden unter anderem sieben Tonnen Kleingeld sichergestellt.

Landgericht HagenEin ganzes Jahrzehnt lang Spieler und Staat betrogen

Vor dem Hagener Landgericht müssen sich Sami S., Alican S. und Asllan H. dafür verantworten, dass sie laut Ermittlungen der Staatsanwaltschaft von 2008 bis 2018 in diversen Spielhallen manipulierte Automatenspiele betrieben haben. Die Automaten waren vor allem dahingehend manipuliert, dass die Aufzeichnungen, die dem Finanzamt vorgelegt werden müssen, deutlich geringere Einnahmen zeigten, als tatsächlich vorhanden waren. Dadurch konnten die Angeklagten einen großen Teil der Einnahmen völlig steuerfrei kassieren. Über ein Jahrzehnt lang funktionierte dieses illegale Geschäftsmodell. Polizei und Staatsanwaltschaft können aufgrund sichergestellter interner Dokumente nachweisen, dass insgesamt ein steuerlicher Schaden von mindestens 48,4 Millionen Euro entstand. Eine Steuerhinterziehung in diesem Umfang ist außergewöhnlich, nicht nur in Glücksspielbereich.

Für die Staatsanwaltschaft gilt Sami S. als Haupttäter. Eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren ist möglich. Die beiden Mittäter Alican S., der Bruder des Angeklagten, und Asllan H. Müssen ebenfalls mit empfindlichen Strafen rechnen. Insgesamt muss sich das Trio für 743 Straftaten verantworten. Anders als in den USA werden in Deutschland jedoch die einzelnen Strafen nicht addiert. Ansonsten wäre es für die Angeklagten bei einer Verurteilung wohl kaum möglich, noch einmal aus dem Gefängnis entlassen zu werden. In Deutschland ist die Strafzumessung anders gestaltet, sodass die Angeklagten bei einer Verurteilung zumindest die Hoffnung haben dürfen, irgendwann noch einmal aus dem Gefängnis entlassen zu werden. Zunächst muss aber die Staatsanwaltschaft lückenlos nachweisen, dass die Angeklagten tatsächlich schuldig sind. Die Beweislage ist allem Anschein nach allerdings erdrückend.

Zufallsfund bringt Polizei auf Spur der Glücksspielmafia

Bei einem Fußballspiel in der Amateurklasse hatte ein Schiedsrichter gerade die beiden Mannschaften in die Halbzeitpause geschickt, als ein Überfall von sechs Männern stattfand. Diese sechs Männer schlugen einen Linienrichter und einen Trainer brutal und rücksichtlos nieder. Die Polizei ging nach ersten Ermittlungen davon aus, dass ein türkisch-kurdischer Familienclan hinter dem Angriff steckte. Allerdings war es nicht möglich, die Beteiligung zu beweisen. Bei den Ermittlungen fanden die Beamten jedoch einen Laptop, der sichergestellt wurde. Auf diesem Laptop fand die Polizei Hinweise auf Spielmanipulationen in einer Spielhalle in Langenfeld. Nach der Auswertung des Computers wurde diese Spielhalle von der Polizei genauer unter die Lupe genommen.

Die Polizei fand manipulierte Spielautomaten in der Langenfelder Spielhalle und konnte auf dieser Basis weitere Ermittlungen anstellen. Letztlich wurde eine Razzia gemacht, bei der die Polizei zusammen mit Steuerfahndern in Langenfeld, Hagen und neun weiteren Städten gleichzeitig Spielhallen kontrollierte. Bei dieser Razzia wurden zahlreiche manipulierte Spielautomaten und viele Dokumente, die im aktuellen Gerichtsverfahren genutzt werden, um die Anklage zu belegen, sichergestellt. Darüber hinaus konnte die Polizei 5 Millionen Euro in bar und neun Sportwagen der Luxusklasse beschlagnahmen. Da zum Bargeld insgesamt sieben Tonnen Kleingeld gehörten, mussten drei Geldtransporter bestellt werden, um die sichergestellte Summe in die Obhut der Polizei überführen zu können.

Verteidiger bezeichnet Verfahren als Fake

Der Verteidiger des Hauptangeklagten äußerte sich empört über das gesamte Verfahren. Es handelte sich um einen Fake, da die Anklage ausschließlich auf Verdachtsmomenten beruhe. Nicht einmal der sichergestellte Laptop, der die entscheidende Razzia ausgelöst hat, könne dem Hauptangeklagten oder seiner Familie zugeordnet werden. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Verteidiger die Unschuld ihrer Mandanten behaupten. Doch es ist fraglich, ob sich diese Ansicht in diesem Fall vor Gericht durchsetzen kann. Letztlich wird die Staatsanwaltschaft aber Beweise vorlegen müssen, welche die Angeklagten eindeutig mit den gemachten Funden in Verbindung bringen. Die Staatsanwaltschaft zeigte sich vor dem Verfahren überzeugt davon, dass es zu einer Verurteilung kommen werde. Das Verfahren ist auf 58 Verhandlungstage angesetzt, sodass der Richter davon überzeugt zu sein scheint, dass es einiges zu verhandeln gibt. Frühestens im Januar 2020 ist mit einem Urteil zu rechnen.

Glücksspiel-Fans haben es schwer in klassischen Spielhallen

Das aktuelle Verfahren zeigt ein weiteres Mal, dass es für Glücksspiel-Fans schwer ist, in den klassischen Spielhallen faire und sichere Spiele zu nutzen. Ohne jeden Zweifel gibt es viele seriöse Anbieter, die ihre Steuern brav bezahlen. Aber es gibt auch viele unseriöse Anbieter, die Spiele manipulieren und letztlich dabei nicht nur den Staat, sondern auch die Kunden betrügen. Das größte Problem ist: Die Manipulation ist in der Regel nicht erkennbar für die Kunden. Im aktuellen Fall ist nicht abschließend geklärt, ob die Manipulation auch zuungunsten der Kunden erfolgte oder ob es nur um Steuerhinterziehung ging. Aber es wäre nicht ungewöhnlich, wenn auch eine Manipulation der Auszahlungsquote stattgefunden hätte. Es gibt viele gute Gründe, seriöse Online Casinos den klassischen Spielhallen vorzuziehen, aber einer ist besonders interessant: Auch die legalen Spielautomaten in Spielhallen haben eine deutlich niedrigere Auszahlungsquote als die typischen Online-Slots.