Großbritannien hat sich die Glücksspielindustrieklagen gegen zahlreiche aktuelle Reformvorschläge positioniert. Mehr als 50 Parlamentarier aus unterschiedlichen Parteien haben sich zur APPG zusammengeschlossen, einer Gruppe, die sich dem Spielerschutz verschrieben hat. Die Parlamentarier-Gruppe hat kürzlich 36 Vorschläge gemacht, um das Glücksspiel im Internet zu regulieren. Sollten alle 36 Vorschläge durchgesetzt werden, würden sich die Online Casinos mit britischer Lizenz dramatisch verändern.

Parlamentarier-Gruppe will möglichst strenge Regulierung

Aktuell gibt es eine große öffentliche Debatte in Großbritannien über die Regulierung des Online-Glücksspiels. Anders als in Deutschland gibt es schon seit vielen Jahren eine UK-Lizenz für Online Casinos, Online-Sportwetten und andere Online-Glücksspiele. Aber einigen Abgeordneten im britischen Parlament geht die Regulierung nicht weit genug. Deswegen hat sich eine Parlamentarier-Gruppe zusammengeschlossen, die gemeinsam eine Liste mit 36 Vorschlägen zur besseren Regulierung des Online-Glücksspiels erarbeitet hat. Wenn alle Vorschläge umgesetzt werden, würde das dazu führen, dass das Online-Glücksspiel deutlich unattraktiver würde in Großbritannien. Doch die Glücksspielindustrie positioniert sich deutlich gegen den Vorstoß der Parlamentarier. Der eine oder andere Vorschlag wird zwar durchaus positiv bewertet. Aber im Großen und Ganzen lehnen die meisten Vertreter der britischen Glücksspielindustrie die Reformvorschläge doch ab. Schaut man sich die 36 Vorschläge an, kommt man nicht umhin zu denken, dass die Parlamentarier-Gruppe vor allem daran interessiert ist, dass Glücksspiel möglichst stark zu beschränken. Die Frage ist allerdings, ob dadurch der Spielerschutz in der Praxis wirklich verbessert würde. Viele Experten aus der Glücksspielindustrie bezweifeln dies, denn die Kanalisierung des Glücksspielbedürfnisses in einen legalen Markt ist eine der wichtigsten Aufgaben der Glücksspiel-Regulierung. Wenn die Regulierung zu streng ausfällt, gelingt diese Kanalisierung nicht.

Warum ist es nicht möglich, eine beliebig strenge Glücksspiel-Regulierung umzusetzen? Nehmen wir einmal an, in einem Land gäbe es eine klare Mehrheit dafür, das Glücksspiel komplett abzuschaffen. Würde das dazu führen, dass es demnächst überhaupt keine Online-Glücksspiele mehr gäbe? Nein, selbst ein komplettes Verbot würde nur dazu führen, dass es keine legalen Online-Glücksspiele mehr gäbe. Dafür würde aber sehr schnell ein riesiger Schwarzmarkt entstehen. Es gibt unzählige Glücksspielanbieter außerhalb der Europäischen Union, die nur darauf warten, dass Großbritannien eine sehr strenge Regulierung umsetzt. Das Ergebnis wäre dann, dass viele Glücksspiel-Fans gezielt nach Anbietern ohne starke Regulierung suchen würden. In allen regulierten Online-Märkten lässt sich beobachten, dass Regulierung nur dann funktioniert, wenn die Kunden die Regulierung als vernünftig und maßvoll betrachten. Wenn zu viele Glücksspiel-Fans den Eindruck bekommen, dass die Regulierung zu streng ist, wird das nur dazu führen, dass die Umsätze der legalen Anbieter nach unten gehen und der Schwarzmarkt prosperiert. Das Online-Glücksspiel lässt sich nicht so einfach einschränken wie das Glücksspiel in Spielbanken und Spielhallen. Aber selbst in Spielhallen und Spielbanken ist es erfahrungsgemäß mit viel Aufwand verbunden, sehr strenge Regeln umzusetzen, da oft das nötige Personal für umfassende Kontrollen fehlt. Im Internet ist es überhaupt nicht möglich, irgendwelche vernünftigen Kontrollen durchzuführen. Nicht einmal China schafft es, alle illegalen Angebote komplett auszusperren. Wie will dann ein demokratisches Land wie Großbritannien den unregulierten Glücksspielmarkt kontrollieren?

Sinnvolle Regulierung im Interesse der Glücksspielindustrie

Bei den aktuellen Äußerungen der Glücksspielindustrie zu den Vorschlägen der Parlamentarier-Gruppe wird deutlich, dass es grundsätzlich ein großes Interesse daran gibt, eine vernünftige Regulierung umzusetzen. Es gibt zwei heiß diskutierte Vorschläge, die auch innerhalb der Glücksspielindustrie kontrovers gesehen werden. Der erste Vorschlag lautet, Werbung für Glücksspiel komplett zu verbieten. Vor allem die großen Anbieter würden darunter wahrscheinlich nicht besonders leiden, da die Marken bereits bekannt sind. Aber wie soll ein neues Online Casino die Chance auf einen fairen Marktzugang bekommen, wenn es nicht einmal möglich ist, Werbung zu machen? Auch an dieser Stelle gibt es einen großen Unterschied zwischen Offline- und Online-Glücksspiel. Beim Offline-Glücksspiel gibt es in der Regel nur einen geografisch eng umrissenen Einzugsraum, sodass sich schnell herumspricht, wenn ein neuer Anbieter vorhanden ist. Im Internet ist das nicht der Fall. Der zweite Vorschlag betrifft ein Einsatzlimit für Online-Glücksspiele. Die Parlamentarier-Gruppe spricht sich für ein generelles Limit von 2 Pfund pro Spielrunde ein. Das ist genau das Limit, das auch in britischen Spielhallen an Spielautomaten gilt. Auch an dieser Stelle gibt es das Problem, dass ein niedriges Limit viele Glücksspiel-Fans dazu bringen könnte, außerhalb des regulierten Marktes nach Anbietern zu suchen. Gerade die High Roller, die um hohe Beträge spielen, sollten aber vom regulierten Markt erfasst werden. Speziell diese Spieler haben ein erhöhtes Risiko, in Probleme zu geraten. Mit einem einheitlichen Limit für alle Spieler in allen Online Casinos würden die High Roller fast schon zwangsläufig in Richtung Schwarzmarkt vertrieben.

Paul Leyland von Regulus Partners bewertet die meisten Vorschläge der Parlamentarier-Gruppe kritisch. Allerdings gebe es vier Vorschläge, die sinnvoll seien. Weitere sechs Vorschläge sein in der aktuellen Regulierung bereits umgesetzt, sodass keine Änderung nötig sei. Die anderen Vorschläge bewertet Paul Leyland kritisch, da es keinen Beleg für die Wirksamkeit gebe oder schon auf den ersten Blick erkennbar sei, dass die Maßnahmen nur kosmetisch sind. Die große Gefahr, die alle Vertreter der Glücksspielindustrie sehen, ist, dass das gesamte Geschäftsmodell in Gefahr gebracht wird. Angesichts der aktuellen Situation wäre eine heftige Verschärfung der Regulierung in Großbritannien für viele Unternehmen bedrohlich. Im ersten Halbjahr 2020 mussten viele Glücksspielanbieter bereits große Einbußen hinnehmen. Wenn nun eine Glücksspiel-Regulierung kommt, die dafür sorgt, dass in naher Zukunft die Einnahmen insgesamt deutlich nach unten gehen, wäre das für die gesamte Glücksspielindustrie höchst problematisch. Aber die britischen Unternehmen sind gut beraten, die Vorschläge der Parlamentarier-Gruppe nicht nur zu kommentieren, sondern auch entsprechende Gegenvorschläge zu machen. Völlig klar scheint zu sein, dass die Glücksspiel-Regulierung in Großbritannien in Zukunft strenger wird. Allerdings sollte die Vorgabe dabei immer sein, dass der Spielerschutz verbessert wird. Wenn die Glücksspielindustrie nachweisen kann, dass ein Vorschlag der Parlamentarier-Gruppe diesem Ziel wieder spricht, ist das wahrscheinlich die beste Möglichkeit, eine Umsetzung zu verhindern.

Schrumpft Glücksspielindustrie in Großbritannien?

Für Ian Sims, den Gründer von Rightlander, wäre es ein „Desaster“, wenn die Parlamentarier-Gruppe sich mit allen Vorschlägen durchsetzen würde. Im Ergebnis würde dies dazu führen, dass der legale Online-Glücksspielmarkt in Großbritannien deutlich schrumpfen würde. Im Gegenzug würde aber der Schwarzmarkt wachsen, sodass unter dem Strich für die Glücksspiel-Fans in Großbritannien hinsichtlich des Spielerschutzes nichts erreicht wäre. Viele Experten aus der Industrie sprechen sich dafür aus, den Spielerschutz so zu gestalten, dass möglichst individuell geholfen wird. Zum besseren Verständnis: Nur ein sehr kleiner Teil der Glücksspiel-Fans, die online spielen, bekommt überhaupt ein ernsthaftes Problem. Die aktuellen Vorschläge zielen darauf ab, die gesamte Glücksspielindustrie kleiner zu machen. Das hilft aber den sogenannten Problemspielern überhaupt nicht. Wer unbedingt spielen möchte, findet ohnehin immer die passenden Angebote im Internet. Wenn die seriösen Anbieter, die viel Aufwand betreiben, um eine UK-Lizenz zu bekommen, erheblich eingeschränkt werden, führt dies nur dazu, dass die ganz normalen Gelegenheitsspieler erheblich in ihren Freiheiten beeinträchtigt werden. Ein viel besserer Ansatz wäre es, ganz individuell zu schauen, welche Spieler Schutz benötigen und bei welchen Spielern es nicht nötig ist, zusätzliche Maßnahmen zu ergreifen. Die nötige Technologie dafür wäre speziell in den Online Casinos relativ leicht anwendbar.

Es gibt zum Beispiel die Möglichkeit, die Verhaltensmuster der Spieler mit entsprechenden Algorithmen zu untersuchen, um Warnhinweise zu geben oder gegebenenfalls Spieler schnell und unkompliziert zu sperren. Mit individuellen Maßnahmen wäre es möglich, das Geschäftsmodell der Online Casinos nahezu unverändert zu lassen, aber gleichzeitig den Spielerschutz erheblich zu verbessern. Die Glücksspielindustrie ist eine der wenigen Wachstumsbranchen in Großbritannien. Aus diesem Grund wäre es vielleicht eine gute Idee, darüber nachzudenken, wie diese Industrie gestärkt werden könnte. Aber in Großbritannien zeigt sich genauso wie in Deutschland, dass es beim Glücksspiel auch oft um Ideologie geht. Es gibt Menschen, die Glücksspiel prinzipiell ablehnen und alles dafür tun, dass auch andere Menschen Glücksspiele nicht nutzen können. Es ist ohne Zweifel keine besonders vernünftige Sache in einem Casino zu spielen oder Sportwetten abzuschließen. Aber wenn eine Gesellschaft anfängt, Freizeitbeschäftigungen nach Sinnhaftigkeit zu bewerten, könnte das Leben sehr schnell unglaublich langweilig werden. Die britische Glücksspielindustrie befindet sich gerade an einer interessanten Wegscheide. In jedem Fall wird der Gambling Act neu verhandelt. Die Frage ist nur, ob die Situation für die Online Casinos und die Glücksspiel-Fans in Großbritannien besser oder schlechter wird. Im Moment deutet einiges darauf hin, dass die Regulierung deutlich strenger wird als bisher.