Gibraltar bereitet sich auf die Folgen des Brexits vor. Verschärft wird die Situation aktuell dadurch, dass Großbritannien auf einen Brexit ohne Deal zusteuert. Das könnte massive Folgen für die Glücksspielanbieter, die in Gibraltar ansässig sind, haben.

Gibraltar könnte zwischen Fronten geraten

BrexitJeder Glücksspiel-Fan, der ein bisschen aufmerksam ist, sieht ab und zu einmal ein Casino mit einer Gibraltar-Lizenz. Auch einige große britische Casino-Betreiber nutzen die Gibraltar-Lizenz, um in der Europäischen Union Online Casinos zu betreiben. Die Lizenz der UK Gambling Commission, die ansonsten der Standard für britische Anbieter ist, wird nur in Großbritannien anerkannt. Aber die Gibraltar-Lizenz ist eine EU-Lizenz und es ist derzeit unklar, ob es auch in Zukunft möglich sein wird, mit dieser EU-Lizenz in Ländern wie Deutschland und Österreich Glücksspiele und Sportwetten anzubieten. Die Sache hat einen Haken, der Gibraltar als Standort für Glücksspielanbieter und Buchmacher sehr schnell uninteressant machen könnte: Gibraltar ist ein britisches Überseegebiet und steht unter der Aufsicht des Vereinigten Königreiches. Die rechtliche Sache ist halbwegs klar: Im Vertrag zum Frieden von Utrecht im Jahr 1713 hat Spanien Gibraltar an Großbritannien abgetreten. Allerdings will Spanien seit dieser Zeit Gibraltar zurückhaben. Auch in den letzten Jahren hat es immer wieder mehr oder weniger direkte Forderungen der spanischen Regierung gegeben, Gibraltar von Großbritannien zurückzubekommen.

Die Verhandlungen zum Brexit hätten auch daran scheitern können, dass Spanien und Großbritannien keine Regelung für Gibraltar gefunden hätten. Die Lösung, die von Theresa May und der Europäischen Union ausgehandelt worden ist, enthält zwar keine umfangreiche Regelung für Gibraltar. Aber eine Sache konnte zwischen der Europäischen Union, Spanien und Großbritannien geklärt werden: Bei allen Verhandlungen, die nach dem Brexit über Gibraltar geführt werden, wird Spanien am Tisch sitzen und mitentscheiden. Damit soll sichergestellt werden, dass vernünftige Lösungen für alle Beteiligten, nicht zuletzt auch für die Bewohner und Unternehmen von Gibraltar gefunden werden. Doch das gilt selbstverständlich nur dann, wenn der Brexit in der ausgehandelten Form stattfinden sollte. Wenn es einen No-Deal-Brexit geben sollte, gelten wahrscheinlich auch die ganzen Zusicherungen und Vereinbarungen nicht mehr. In dem Fall hätte Spanien dann auch die Möglichkeit, harte Fakten zu schaffen. Konkret bedeutet das: Gibraltar hat große Angst davor, dass Spanien nach einem harten Brexit die Grenzen zu Gibraltar schließt. Für die Glücksspielindustrie wäre das dramatisch.

Gibraltar ist kaum mehr als ein großer Felsen

Gibraltar ist traditionell vor allem aufgrund der günstigen strategischen Lage im westlichen Mittelmeer interessant. Aber im letzten Jahrzehnt hat sich in Gibraltar auch eine große Glücksspielindustrie entwickelt, die vom besonderen Status des britischen Überseegebietes profitiert. Doch wer glaubt, dass die zahlreichen Menschen, die bei den Glücksspielanbietern und Buchmachern von Gibraltar arbeiten, auch in Gibraltar wohnen, täuscht sich. Das wäre auch logistisch kaum zu meistern. Gibraltar hat gerade einmal eine Fläche von 6,5 Quadratkilometern und etwas mehr als 34.000 Einwohner. Das führt dazu, dass die meisten Angestellten der Glücksspielindustrie in Spanien leben. Das funktioniert seit Jahren hervorragend und die Spanier haben sich bislang auch nicht darüber beschwert, denn viele Angestellte verdienen gutes Geld und können sich deswegen attraktive Wohnungen und beträchtliche Konsumausgaben leisten. Für die Wirtschaft in der Grenzregion zu Gibraltar ist es in jedem Fall ein Vorteil, dass so viele ausländische Mitarbeiter der Glückspielindustrie einen Wohnsitz in Spanien haben. Dieses Argument ändert sich natürlich auch nicht nach einem Brexit. Aber was sich ändern wird, ist die Mitgliedschaft in der Europäischen Union.

Bei einem harten Brexit wäre Spanien wahrscheinlich schon aus juristischen Gründen dazu gezwungen, ein hartes Grenzregime einzuführen. Die Menschen, die jetzt tagtäglich einfach die Grenze überschreiten ohne irgendwelchen Stress, müssten plötzlich viel Zeit einplanen, um die Grenze zu überschreiten. Das kann sich natürlich einspielen und vielleicht finden Spanien und Großbritannien auch eine gute Lösung. Aber ob diese gute Lösung ohne eine längere Übergangsphase sofort vorhanden ist, darf zumindest bezweifelt werden. Grundsätzlich hat die Glücksspielindustrie ein großes Interesse daran, dass Gibraltar nicht nur als Standort für Filialen, sondern auch als Lizenzgeber erhalten bleibt. Aber mit einer harten Grenze zwischen Gibraltar und Spanien könnte es am Ende vielleicht schwierig sein, überhaupt noch Leute zu finden, die in der Glücksspielindustrie von Gibraltar arbeiten möchten. Der Brexit könnte somit eine ganze Industrie lahmlegen, die seit vielen Jahren für hohe Einnahmen sorgt. Für das Glücksspiel in Europa wäre ein Verlust von Gibraltar als Standard nicht schön, aber wahrscheinlich verschmerzbar. Immerhin gibt es mittlerweile sehr viele EU-Länder, in denen nationale Lizenzen verfügbar sind. Sogar in Deutschland ist eine Sportwetten-Lizenz geplant. Vielleicht kommt auch irgendwann eine Casino-Lizenz.

Brexit wird in jedem Fall Unsicherheit bringen

Selbst wenn sich Großbritannien und die Europäische Union noch auf einen Brexit mit Vertrag einigen können, wird in Gibraltar Unsicherheit entstehen. Schon jetzt haben zahlreiche Unternehmen, die in Gibraltar ansässig sind, Vorkehrungen getroffen für alle möglichen Brexit-Optionen. Derzeit stellen sich die meisten Unternehmen darauf ein, dass es zu einem harten Brexit kommen wird. Zwar gibt es aktuell noch von vielen großen Firmen Zusicherungen, dass die Filialen in Gibraltar erhalten bleiben. Aber ob diese Versprechen noch viel wert sind, wenn Gibraltar als Standort für Glücksspielanbieter am Ende alle Vorteile verlieren sollte, darf zumindest bezweifelt werden. Gibraltar ist ein sehr plastisches Beispiel dafür, wie der Brexit die Wirtschaft in Europa beeinträchtigen könnte. Natürlich ist dieses Problem gemessen an der Größe der europäischen Wirtschaft sehr klein. Aber viele Experten befürchten, dass ein Brexit an vielen kleinen Stellen zu nachhaltigen Schäden führen wird. Am Ende müssten wahrscheinlich die Menschen in der Europäischen Union und in Großbritannien zumindest für eine Weile lang viel dafür bezahlen, dass sich die britische Regierung und die Europäische Union nicht auf eine gemeinsame Lösung einigen können. Noch besteht die Hoffnung, dass es im letzten Moment eine bessere Lösung geben wird als einen harten Brexit. Aber in Gibraltar glaubt kaum noch jemand an einen guten Ausgang.