Der Mann träumte vom ganz großen, schnellen Glück. 30.000 Tausend Dollar war es ihm wert. Daraus sollten 300.00 Tausend werden, oder noch besser: 3 Millionen. Träumen darf man ja wohl noch, und Dragon Tiger sollte diesen Traum erfüllen. Doch der Drache und der Tiger bissen zu und nahmen ihm alles. Vier Runden dauerte es nur, bis der Mann im schwarzen T-Shirt all sein Geld bei der örtlichen Version von Baccarat verspielt hatte und am Ende mit leeren Händen dastand. Ein leichtes Raunen der Mitspieler, ein professionelles Handhaben der chinesischen Dealerin und schon startete eine neue Runde. Mit einem neuen Spieler, der es diesmal schaffen würde. Alltägliche Szenen im Casino New Macau des Hotels Xihu in der ehemals beschaulichen Hafenstadt Sihanoukville an der Westküste Kambodschas. Da, wo noch vor einigen Jahren Fischer das Stadtbild prägten, sind es jetzt legale und illegale Casinos und vor allem Chinesen. Denn nur sie spielen dort. Fast nur sie investieren in Neubauten und Infrastruktur. Rund eine Milliarde Dollar in den letzten beiden Jahren. Drei Viertel aller Hotels sind in chinesischen Händen und annähernd sämtliche Restaurants – natürlich fast ausschließlich mit chinesischen Speisekarten. Überall begegnet man Firmennamen aus dem Reich der Mitte und selbst die kleinen Kärtchen, die nachts unter die Zimmertüren der Hotels geschoben werden, die die besondere Entspannung für den erschöpften männlichen Gast anbieten, sind ausschließlich in Mandarin verfasst. Drei Viertel der 300.000 Bewohner soll aus China stammen.   

Das große Glück und das kleine Unglück

Macao Plaza HotelShinaukville boomt. Braukräne soweit das Auge reicht, Schlaglöcher soweit die Straßen tragen, verursacht von schwerem Baugerät, nicht von den Maybach- und Rolls Royce-Limousinen, mit denen betuchte Spieler chauffiert werden. Lärm und nochmals Lärm, der von den schweren Teppichen und der dreifachen Verglasung der Hotelsuiten geschluckt wird, so dass man in den Casinos selbst natürlich nichts mitbekommt, Der Rausch lockt sie alle an. Alle die, die auf das mehr oder weniger große Geld hoffen. Die Spieler und Investoren, vor allem aber auch die Einheimischen, die auf Gehälter oder überhaupt eine Arbeit hoffen. Sie strömen vom Land in die Stadt, angezogen von der Verheißung auf ein besseres Leben. Und sie können das, was gerade benötigt wird. Im Apsara Phot Shop erhalten sie das, was für einen Neuanfang notwendig ist. Einen Lebenslauf, der zwar nicht ihren Erfahrungen und Fähigkeiten entspricht, dafür aber den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes. Da werden aus 5 Jahren Erfahrung als Fahrer mal gerne 3 Monate Erfahrung als Putzfrau. Fahrer werden gerade nicht gesucht, aber Putzfrauen. Genau der richtige Job für die 38-jährige Ny, die vor einem Vierteljahr mit ihrer Familie in das Glücksspiel Eldorado zog. Bisher der richtige Job. Aber es reicht nicht. Nicht die 500 Dollar, die sie zusammen mit ihrem Ehemann verdient. 300 Dollar alleine kostet schon das kleine Zimmer, welches sie bewohnen. Ihre Tochter verdient an einem Spieltisch in einem der Casinos 450 Dollar. Das ist lukrativ, deswegen hat sie sich dort auch beworben. Das ist schon fast ein Spitzenlohn verglichen mit den 185 Dollar, die eine Textilarbeiterin im Durchschnitt ansonsten im Land verdient. Und als Friseurin noch viel weniger. Das hat Ny einmal gelernt. Aber das Casino würde auch Kost und Logis zahlen. Ein beinah unmoralisches Angebot. Doch Ny ist nicht die Einzige die sich im Casino bewirbt. Immer mehr Kräfte verschlingt der Glücksspielsektor. Arbeitskräfte, die woanders fehlen. Zum Beispiel im Apsara Photo Shop. Von den ehemals 20 Mitarbeiterinnen sind sechs übrig geblieben. Der Rest verdient sich nun in einer der Spielbanken.

Die Schattenseiten? „Es ist nicht mehr ihre Stadt“, sagt La, Besitzerin eines Fleischgeschäfts am Stadtrand von Sihanoukville. Die Identität bleibt auf der Strecke. Aber davon kann man keine Miete zahlen und keine Ausbildung der Tochter, die es einmal besser haben soll - die mit ihren vier Jahren schon Chinesisch lernt. Doch ist wirklich eine lohnende Investition? Erste Anzeichen eines Umschwungs zeichnen sich schon ab. Der Immobilienmarkt ist absolut überhitzt, Mieten steigen ins Exorbitante. Da muss für einen Tofu-Stand 1.000 Dollar im Monat bezahlt werden und für einen Laden an einer Hauptstraße, in dem früher westliche Backpacker abhingen, will die Besitzerin 8.500 Dollar Miete haben. Im Monat. Dann setzt sie sich zur Ruhe. Doch noch wird gebaut und gebaut. Natürlich von chinesischen Baufirmen. Ein Wohnblock nach dem anderen. Äußerst lukrativ meint die Verkäuferin. Nur 180.000 Dollar kostet ein Studio, das direkten unterirdischen Zugang zu einem Casino hat. Eine lukrative Investition. 

Kommt das Ende schneller als gedacht?

Und dann das Vorgehen gegen illegale Online Casinos. Erst letztens haben kambodschanische Behörden durchgegriffen, Hinterzimmer durchkämmt und Online Casinos geschlossen. Die chinesischen Nachbarn sollen sie dazu gedrängt haben. Glücksspiel ist in China verboten. Vielleicht sind deswegen so viele Kunden in diesen Casinos Chinesen. Über 150 wurden verhaftet und in das Reich der Mitte zurückgeschickt. Zehntausende sollen die Stadt nach der Verhaftungswelle verlassen haben. Erste Auswirkungen sind spürbar. Kein Geschäft mehr für den Tuktuk-Fahrer. Das Gefährt, das er erst kürzlich mit einem Kredit von 4.000 Dollar gekauft hat, muss abbezahlt werden – mit 100 Dollar im Monat. Doch was ist, wenn die Kunden wegbleiben? Da haben die Spieler und Spielerinnen in Deutschland es deutlich besser. So lange der neue Glücksspielstaatsänderungsvertrag noch nicht zum Tragen kommt, können sie wenigstens  in EU-lizenzierten seriösen Online Casinos spielen. 

Und dann ist da noch etwas Anderes

Wenn es denn mit den Casinos nicht weitergeht, wird Sihanoukville wohl trotzdem von den Chinesen nicht aufgegeben werden. Mit wachsender Sorge beobachtet der amerikanische Geheimdienst, wie in der Nähe ein großes chinesisches Ressort entsteht. Mit einer Landebahn, groß genug für schwere Militärtransporter. Die gemeinsamen Manöver beider Marinen nehmen zu. Im natürlichen Tiefseehafen von Sihanoukville ist die kambodschanische Marine beheimatet. Zufällig? Westliche Beobachter sind besorgt. Wir werden wohl auf der einen oder auf der anderen Seite noch etwas von Boomtown Sihanaukville hören.