Der Kohleausstieg macht der Bevölkerung in der Lausitz schwer zu schaffen. Insgesamt sind 24.000 Menschen davon betroffen. Doch jetzt naht Abhilfe. Um die Region attraktiver zu gestalten und um neue Arbeitsplätze zu schaffen, soll nun in der Nähe von Cottbus ein Stausee angelegt werden. Und zwar nicht irgendein Stausee, sondern der größte in Deutschland. Auch eine Spielbank wird dort entstehen sowie Bars und Restaurants. Im Moment besteht das Projekt nur auf dem Papier, aber die Anwohner werden Schritt für Schritt über sämtliche Neuerungen und Planungsfortschritte informiert. In den kommenden Wochen wird eine Reihe von Podiumsdiskussionen zum Thema stattfinden. 

Wirtschaftlicher Aufschwung durch den „Ostsee“

Die Pläne sind gewaltig. Cottbuser Ostsee ist der vorläufige Name des Projekts, der vorsieht, den stillgelegten Tagebau zu fluten. Ob der neue See die Erwartungen eines wirtschaftlichen Aufschwungs für die Region erfüllt, wird erst die Zeit zeigen. Von der künstlichen Ostsee zur echten Ostsee sind es gute vier Stunden Fahrt mit dem Auto. Im Moment ist der Unterschied zwischen den beiden Landstrichen noch enorm. Wo in der einen Gegend Wellen schlagen und Möwen kreischen ist in der anderen nichts, als eine trostlose Kraterlandschaft. Nur im „Ostsee-Fenster“ kommt ein Meer- und Strandfeeling auf. Dort hat der Ostseeförderverein einen Raum angemietet, in dem die obligatorischen gestreiften Strandkörbe und Seegras aus Kunststoff stehen und an den Wänden hängen Dünen-Fotos. Dieser Raum wird für die vielen Informationsveranstaltungen genutzt, die im Vorfeld zum geplanten Großprojekt stattfinden werden.

Monaco Casino des Seenlands?

Ostsee Cottbus Casino MonacoDie Region rund um Cottbus lebte 35 Jahre lang vom Braunkohle-Abbau. Das dort eine Art „maritimes Flair“ entstehen soll, wirkt zunächst einmal absurd. „Der See wird aus Cottbus eine Hafenstadt machen“, sagt Denis Kettlitz (37) vom Ostseeförderverein und kündigt weitreichende Veränderungen an. Die Räumlichkeiten des „Ostsee-Fensters“ nutzt sein Verein, um die Cottbuser Bürger für das Vorhaben zu motivieren. Keine einfache Aufgabe! Schließlich wird es noch mindestens 4 bis 5 Jahre dauern, um die Tagebau-Fläche von 1.900 Hektar vollständig zu fluten. Spree- und Grundwasser wird hierfür zugeleitet. Bis eine Nutzung des Sees möglich ist, werden voraussichtlich nochmal einige Jahre ins Land ziehen.

Das ehemalige Tagebaustätten geflutet werden, ist nichts Neues. Allein in der Lausitz existieren bereits einige solcher Seen, allerdings nicht mit derartigen Ausmaßen. 

Denis Kettlitz macht auf die besondere Lage aufmerksam. „Wir haben hier die Großstadt dabei“, erklärt er. „Dieser See darf nicht nur für Touristen gedacht werden. Ich sage immer: Wir könnten das Monaco des Seenlands werden. Mit einer Spielbank, guten Restaurants und einer Diskothek. Hier muss Leben sein!“ Auch für die Städteplaner ist dieses Projekt eine große Herausforderung, denn das Hafenviertel soll zum „zweiten Zentrum“ werden. Kettlitz fordert: „Cottbus muss umdenken!“ Derzeit findet man in der Gegend vorwiegend Industriezonen, aber in Kürze wird dort auch neuer Wohnraum entstehen. 

Die Zeit läuft davon

Der Ostseeförderverein setzt die Politik unter Druck, da die Zeit „davonläuft“. Der Verein fordert, dass die Konkretisierung der Pläne schneller voranschreitet. Die gesamte Region befände sich in Unruhe, besonders nach dem Kohleausstieg. 24.000 Menschen sind von Entlassungen, Umschulungen und Frühpension betroffen. Nur zu gut erinnert man sich noch die 1990er Jahre und den Zusammenbruch der Textilindustrie. Hohe Arbeitslosenzahlen und massive Abwanderungen waren das Ergebnis. Dieses Trauma sitzt noch immer tief. Dass der „neue Ostsee“ nicht allein für den wirtschaftlichen Umschwung verantwortlich sein kann, darüber sind sich sowohl die Stadtverordneten, als auch der Förderverein einig. Das Anliegen aller ist, das gesamte Gebiet attraktiver zu gestalten – auch wirtschaftlich. Nicht nur der Tourismus soll hier aufgebaut werden, sondern man will auch Investoren anlocken. Selbst für Arbeitnehmer und Pendler erhofft man sich einen höheren Anreiz. Hierbei spielt die Anbindung zur Hauptstadt eine große Rolle. Aktuell liegt nur ein Bahngleis, welches Cottbus mit dem 100 km entfernten Berlin verbindet. Sofern die Strecke ausgebaut wird, könnte die zukünftige Lausitzer Hafenstadt eine bevorzugte Wohngegend für Berliner Pendler werden. 

Die Geschäftsführerin des Lausitzer Seenlands ist ganz anderer Meinung. „Brandenburg ist der größte Mitbewerber,“ sagt Kathrin Winkler und verweist auf die dort liegenden 3.000 Seen. „Warum sollten die Berliner weiter fahren, wenn sich das Angebot nicht von dem des Umlands unterscheidet?“ Im Jahre 2012 war sie federführend beim Zusammenschluss vieler Lausitzer Tagebauseen in einen Tourismusverband. Diese Region erstreckt sich von kurz hinter Cottbus bis fast nach Bautzen. Kathrin Winkler betont die Notwendigkeit, dass jeder See seinen „eigenen Charakter“ bekommt und fügt hinzu: „Diese konkreten Ideen sehe ich beim Ostsee momentan noch nicht.“

Flutung in Vorbereitung

Zum Alleinstellungsmerkmal des Ostsees gibt es bereits Vorschläge. René Lehmann setzt hier zum Beispiel auf Wassersport. An der Bärenbrücker Bucht kann er sich ohne weiteres Sportler in Neoprenanzügen vorstellen, auch wenn dort derzeit nur eine riesige Brachfläche existiert. Der Ostsee ein Paradies für Kite-Surfer? „Es gibt in Deutschland nur ganz wenige Gewässer, die man dafür nutzen kann,“ erklärt Lehmann, der selbst ein Hobby-Kite-Surfer ist. Er macht auf den stabilen Südwestwind und die große Fläche aufmerksam, über der der Wind sich ausbreiten kann. Abgesehen davon plant er eine Wakeboard-Anlage, die auf dem 500 m entfernt liegen Kiessee entstehen soll.„Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie weit Sportler für eine gute Anlage fahren. Die Kombination aus Kitesurfen und Wakeboarden wäre perfekt,“ sagt Rene Lehmann, dem ein Betrieb für Rohrleitungsbau gehört und der als LEAG-Dienstleister selbst vom Kohleabbau betroffen ist. Seit bereits 5 Jahren verschlechtert sich seine Auftragslage von Jahr zu Jahr. Aus diesem Grund bietet sein Betrieb heute auch Geländer für Balkone und Treppen an. Ihm ist es wichtig, dass die Stadt attraktiver wird und dass er seine Angestellten halten kann. „Deshalb müssen wir schon jetzt den See etablieren.“ Und nicht nur das. Das gesamte Projekt muss über die Stadtgrenzen hinaus beworben werden.

Rene Lehmann engagiert sich auch im Cottbuser Ostseesportverein, der an einer Spitze des zukünftigen Sees Events veranstaltet, wie beispielsweise das Drachenfest. In diesem Jahr fand es schon zum dritten Mal statt. Er hat auch schon einen Investitionsplan für sein Wakeboard-Projekt ausgearbeitet, für den ein einstelliger Millionenbetrag benötigt wird. Ein Anlagenbauer sei bereits interessiert. Das große Problem sieht Lehmann derzeit bei den Behörden: „Die lassen sich zu viel Zeit.“ Immerhin sind bereits Baufahrzeuge vor Ort und bereiten alles für die Flutung vor.