Ende September vergangenen Jahres nahmen Polizei und Staatsanwaltschaft einen Casino-Clan hoch, dem vorgeworfen wird, mit manipulierten Spielautomaten in NRW Millionen gescheffelt zu haben. Eine Verbindung zwischen Online Casinos und dem Clan besteht nicht. Damals durchkämmten 70 Steuerfahner und 100 Polizisten etliche Geschäfts- und Wohnhäuser in Nordrhein Westfalen. Der Besitz der türkisch-kurdischen „Familie“, dessen Mitglieder auf sehr großem Fuß lebten, wurde beschlagnahmt. Unter anderem nannten sie neun edle Sportwagen ihr Eigentum, darunter befand sich auch ein orangefarbener Lamborghini Aventador LP 700-4 und ein violetter Lamborghini Huracan. Die beiden Luxus-Karossen wurden jetzt versteigert 

Zwei teure Exoten neben schlichten Dienstwagen

MercedesDer Anblick war grotesk. In einer städtischen Lagerhalle in Düsseldorf standen zwischen etlichen ehemaligen, eher schlichten, grauen Dienstfahrzeugen des Bundeslandes NRW auch noch zwei sehr seltene, knallbunte Exoten. Ursprünglich hatte der glitzernde Fuhrpark des Familien-Clans um den 43-jährigen Sami S., der in Untersuchungshaft sitzt, nach der Beschlagnahme über ein halbes Jahr lang bei einem Abschleppunternehmen gestanden. Damit war bereits im Juni Schluss! Das Finanzamt versteigerte im Sommer fünf Luxus-Karossen des Familienclans über eine Zoll-Auktion, um möglichst viel Geld zurück in die Staatskasse fließen zu lassen. Die beiden Hauptattraktionen aus dem Besitz von Sami S. kamen erst jetzt unter den Hammer. Mit dabei war ein Lamborghini Huracán. Der geschätzte Wert des Wagens, der über stolze 610 PS und einen V10-Motor mit 5,2 Litern Hubraum verfügt, lag bei 200.000,- Euro. Auch der orangefarbene Lamborghini Aventador LP700-4 mit seinen 700 PS schnitt bei den Schätzwerten nicht schlecht ab. Er ist dreieinhalb Jahre alt und hat etwas mehr als 20.000 Kilometer runter. Es interessierten sich in der Zwischenzeit immerhin knapp 70 potenzielle Käufer für den Sportwagen, obgleich das Mindestgebot bei 125.500,- Euro lag. Das seltene Sammlerstück brachte am Ende 218.000,- Euro ein. Wer den Zuschlag erhielt, ist allerdings unbekannt. 

Autos, Waffen, fünf Millionen Euro Bargeld und ein aufgebrachter Strafverteidiger

Ende gut, alles gut? Weit gefehlt! Die insgesamt knapp 400.000,- Euro, die durch die jüngste Versteigerung in die Staatskasse flossen, decken nur einen kleinen Bruchteil der geschätzten 38 Millionen Euro Steuerschulden des Familienclans ab. Casinobonus360.de berichtete bereits über diesen spektakulären Fall.

Nachdem im September 2018 bei einer Großrazzia in Hagen neben den Luxus-Wagen auch rund fünf Millionen Euro Bargeld in Scheinen und Münzen, eine scharfe Schusswaffe, zwei Schreckschuss-Pistolen und kleinere Mengen Betäubungsmittel beschlagnahmt wurden, traten im Sommer erstmals auch die Beschuldigten an die Öffentlichkeit. Drei der Clan-Mitglieder saßen in Untersuchungshaft, zwei von ihnen wurden zwischenzeitlich wieder auf freien Fuß gesetzt. Sie wehrten sich gegen den schwerwiegenden Vorwurf Spielautomaten mit Hilfe einer Software manipuliert und einen Steuerschaden in Höhe von zig Millionen Euro verursacht zu haben.

Prof. Dr. Ulrich Sommer zeigte sich damals empört. Er ist der Strafverteidiger, der das letzte, in Untersuchungshaft befindliche Familienmitglied vertritt: „Das ganze Verfahren gleicht einem Fake, die Verdachtsbehauptungen sind eine wilde Konstruktion. Es gibt keinen einzigen Beweis gegen die Familie. Ich sehne eine Hauptverhandlung herbei, aus der die Beschuldigten als freie Männer herausgehen werden.“ Desweiteren führte er an: „Was die Hagener Staatsanwaltschaft da betreibt, ist nichts als reine Stimmungsmache. Es gibt nicht einen einzigen Beweis, außer einem Laptop, auf dem angeblich mit einer Manipulationssoftware gearbeitet worden sein soll. Der Laptop ist der Familie und meinem Mandanten aber gar nicht zuzuordnen, und so eine Software ist auch nie zum Einsatz gekommen. Die Staatsanwaltschaft hat sich auf eine Interpretation der Situation festgelegt und verbeißt sich jetzt darin.“ 

Medieninformationen zufolge soll es sich um einen Zufallsfund gehandelt haben, zu dem es bei einem anderen Ermittlungsverfahren kam, bei dem auch ein Mitglied des Clans im Fokus der Ermittler stand. Hierbei ging es um eine aggressive Attacke beim Fritz Kahl-Fußballturnier. 2016 stürmten sechs durchtrainierte Männer in der Halbzeitpause der Begegnung Cemspor Hagen gegen ETuS Schwerte das Spielfeld und schlugen Trainer sowie Linienrichter brutal nieder. Dem Clan-Mitglied konnte nichts nachgewiesen werden, aber bei den Ermittlungen wurde ein Laptop mit Informationen sichergestellt, die Rückschlüsse auf Manipulationen bei Umsatz-Ausdrucken der Spielhallen-Betreiber zuließen.

„Es stimmt nach meinen Informationen und nach Aktenlage gar nicht, dass der Laptop in diesem Zusammenhang gefunden worden sein soll. Auch das ist eine merkwürdige Sache in den Ermittlungen,“ sagte Strafverteidiger Sommer. 

Millionen-Umsätze an der Steuer vorbei

Aufwendige Ermittlungen des Hagener Kommissariats zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität hatten eine Durchsuchungsaktion von 40 Spielhallen der Familie ermöglicht. In Datteln, Dortmund, Duisburg, Hagen, Hattingen, Hilden, Holzwickede, Langenfeld, Lüdenscheid, Menden und Meinerzhagen standen plötzlich die Behörden vor der Tür. Ein Großaufgebot von Polizeikräften durchsuchte den Hauptsitz der Spielhallen-Firma sowie viele Casinos und Privathäuser. Laut Westfalenpost waren außerdem ein Bank- und ein PC-Experte bei den Einsätzen dabei. Die versierten Fachkräfte sollten helfen, Vermögenswerte zu sichern.

Die Ermittlungsbehörden gingen davon aus, dass die für die Steuerberechnung maßgeblichen Umsatzdaten getürkt worden sind. Zwar konnten die Umsätze aus den Spielautomaten des Casino-Clans ausgelesen werden, aber es besteht der Verdacht, dass mit Hilfe der Manipulations-Software niedrigere Umsatzdaten ausgedruckt wurden. Auf diesem Weg seien dem Staat Millionen an Steuergeldern entgangen.

Aus Sicht des Strafverteidigers besteht kein einziger Euro an Steuerschulden. Das hätte eine große Prüfung der Steuerfahndung ganz klar bewiesen: „Natürlich wissen die Behörden von größeren Mengen Bargeld, die die Familie privat aufbewahrt. Aber das ist auch ganz normal, wenn man so viele Spielhallen betreibt, in denen täglich viel Bargeld in den Automaten eingesetzt werden muss. Man kann das aus Behördensicht auch komisch finden, wenn eine Familie viele Spielhallen betreibt und damit viel Geld verdient. Aber letztlich läuft all das auf legalen und höchst korrekten Wegen ab. Da ist nichts Verwerfliches dran.“

Darüber hinaus wehrte sich Prof. Dr. Sommer gegen den Ausdruck Clan:„Mit diesem Wort wird die Familie in eine Ecke gestellt, in die sie nicht gehört.“ Es sei niemand ernsthaft vorbestraft, sofern man von einigen Einträgen ins Strafregister absieht, betonte der Strafverteidiger. Wegen Vermögensdelikten ist allerdings kein Familien-Mitglied vorbestraft. „Ich habe der Familie gesagt, dass sie ihr Geld und ihre Fahrzeuge zurückbekommen. Es wird Gerechtigkeit geben, und die zu Unrecht beschuldigten Familienmitglieder werden freisein.“ 

Naja! In einigen Punkten kann Herr Dr. Sommer sein Wort nun nicht mehr halten. Der Prozess dauert noch an.